Das Huhn im Korb

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Zwei Geschlechter, zwei Welten: Mein Gender-Schock im Golf

Es war eine Premiere. Meine erste Golfreise überhaupt. Ein Presse-Trip nach Spanien. Und schon am Anfang lief alles schief. Ein verschollenes Golfbag am Flughafen Barcelona, eine zweistündige Sucherei nach den Schlägern. Am Ende tauchte das Bag auf – aber draußen in der Ankunftshalle wartete die schwer genervte Pressereisegruppe, bestehend aus drei französischen Journalistinnen, einer PR-Dame und dem Fahrer des Hotels.

„Aber warum hast du denn überhaupt einen Golfbag dabei?“ fragte mich eine Journalistin aus Paris.

„Zum Golfspielen“ sagte ich.

„Ach, du spielst Golf?“ fragte sie.

„Ja.“, sagte ich.

„Oh.“, sagte sie.

War das meine Gruppe?

Es stellte sich heraus: Das war meine Gruppe. Ich war nur die einzige in dieser Gruppe, die tatsächlich Golf spielte. Alle anderen Frauen schrieben lediglich über Golf.

Geschlechtertrennung im Golf?

Glaubt man der PR-Dame, die meinen Premieren-Trip betreute, sind Männer und Frauen im Golf zwei Welten:  Männer wollen – angeblich – auf einer Golfpressereise Golf spielen und über Golf reden. Frauen hingegen wollen alles außer Golf spielen und über Golf reden.

Nicht ganz mein Fall, diese Einteilung. Von Geschlechtertrennung habe ich noch nie etwas gehalten, jedenfalls nicht außerhalb von Saunen und Unterwäscheabteilungen. In diesem Fall allerdings musste ich mich beugen – die Gender-Statistiken der Golf-Marktforschung nämlich machen jede geschlechterneutrale Gesinnung sofort zunichte.

Das Ladies-Programm im Golf-Resort unserer Wahl war entsprechend angepasst: Fahrradfahren, Essen, Sightseeing, Yoga, eine Tennis- und eine Golf-Schnupperstunde für die Damen. Letztere sagten die anderen Frauen kurzfristig ab. Einzige Teilnehmerin: ich.

„El melon al camion!“ rief der Pro mir während dieser Stunde immer wieder zu: ich solle mir für den idealen Schwung einfach vorstellen, eine Wassermelone kraft meiner Hüften auf einen alten Karren hinaufzuwerfen. Mein Schwung verbesserte sich, ich war glücklich. In der Ferne fuhren die Frauen mit dem Mountainbike vorbei und winkten. Ich winkte zurück.

Glückliches Huhn im Korb bei Männer-Pressetrip

Nach drei Tagen reisten die anderen Frauen ab. Ich blieb. Weil jetzt der Männer-Pressetrip folgte. Und da war die Besichtigung der 18-Lochplätze des Resorts selbstverständlich inklusive.

Als ich beim ersten Mittagessen mit den Männern sagte, dass ich mich freue, endlich die Plätze zu spielen, verstummte das Gespräch.

„Ach, du spielst Golf?“

„Ja.“

„Ist das in Deutschland üblich, dass Frauen Golf spielen?“

Die Gruppe bestand aus zwei Franzosen, einem Briten, einem Schweizer und mir.

„Ja!?“

„Oh.“

Wir spielten in den folgenden Tagen zwei Mal 18 Löcher. Es war sehr angenehm. Erschreckend angenehm. Alle waren so furchtbar nett zu mir. Bewunderten mein außerordentliches Können (Handicap 54). Meine erstaunliche Begeisterung für den Sport. Meinen gerade optimierten Schwung („El melon al camion!“) Ihre Begeisterung kam von Herzen, sie war ganz naiv. Toll, eine Frau, die Golf spielt! Mein moralisches Gewissen sagte: Ist ja grauenhaft. In welchem Jahrhundert leben wir denn? Du musst pikiert sein! Sei pikiert! Aber es breitete sich ein ganz und gar unemanzipiertes, wohliges, irgendwie welpenhaftes Gefühl in mir aus. Ich war der niedliche Freak, der beeindruckende Pfau, das exotische Wesen. Noch nie habe ich so gutes Golf gespielt, wie auf diesen zwei Runden. Meine Claqueure leisteten volle Arbeit. Ihre Begeisterung nahm mir jede Angst, Fehler zu machen. Ich hätte nichts falsch machen können, ich war der Star der Runde.

Auf dem Flug nach Hause dachte ich: Deutschland ist ein sehr fortschrittliches Land.

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