Ertappt

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Schwarzspieler auf dem  Golfplatz sind ein  heißes Thema –  in der Realität  gibt es sie aber seltener als vermutet.

Von Jupp Suttner

Die Geschichte liegt zwar lange zurück, doch sie ist wahr. Denn Herbert Düsel hat sie uns einst selbst erzählt. Herbert Düsel war damals Marshall beim GC Mangfalltal, südöstlich von München. Und hatte sich oben am Berg postiert. Mit einem Fernglas beobachtete er das Terrain. Plötzlich entdeckte er zwei von ihnen. Ganz unten. Direkt am Fluss. Zwei Schwarzspielerinnen! Es MUSSTEN welche sein! Flüsterte sein Instinkt. “Ich war zu Beginn meiner Marshall-Tätigkeit voll im Jagdfieber – und wollte vor allem aufgreifen!”

Düsel düste mit seinem Cart den Hang hinab. Und als er fast sein Ziel erreicht hatte – überschlug es das Mobil. “Der Wagen rumpelte in ein Bachbett hinab!” Er selbst konnte gerade noch “fluchtartig das Gefährt verlassen”. Aber: “Die zwei habe ich überführt!”

Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen. Doch er hätte leicht trügen können. Denn oft handelt es sich um einen Fehlalarm. Vor allem Mitglieder geraten leicht in Übereifer, der sie dazu bewegt, Meldung über einen “garantiert schwarz spielenden” Verdächtigen zu erstatten. Denn diesen Typen hätten sie ja noch nie auf dem Course gesehen. Doch es handelt sich dann in geschätzten 99,999 Prozent aller Fälle um eine Fehlinterpretation. Denn das Thema “Schwarzspieler” wird an Club-Bars zwar bisweilen heftig diskutiert – doch draußen, auf den Fairways, in der Praxis, existiert dieses Problem bei vielen Clubs kaum: Wolfgang Michel, Geschäftsführer des GC München- Eichenried: “Davon habe ich noch nie etwas gehört, was unsere Anlage betrifft.”

“Können ja nicht einzäunen”

Isolde Zondler, mit Gatte Urs die Leitung des oberbayerischen GC Beuerberg bildend: “Nee, das ist kein Thema bei uns. Und wenn wir bereits Schwarzspieler hatten, dann haben wir es nicht bemerkt. Wenn einer abends um 20 Uhr rausschleicht, dann wissen wir das nicht – wir können ja nicht einzäunen.”

Dr. Werner Pröbstl, Vizepräsident des Bayerischen Golfverbands und Präsident des GC Starnberg: “Wir haben das bis vor einigen Jahren sehr stark kontrolliert, weil immer wieder Gerüchte von Mitgliedern verbreitet wurden. Aber wir haben nie jemanden erwischt, denn die Gerüchte sind wesentlich größer als die Realität. Also haben wir es aufgegeben. Denn das kostet ja Geld.”

Und seine Club-Managerin Michèle Holzwarth ergänzt, dass in den letzten vier Jahren ein einziger Schwarzspieler ertappt worden sei: “Der wurde dann des Platzes verwiesen, kam auf die schwarze Liste und darf nicht mehr bei uns auftauchen. Denn das war respektlos dem Club gegenüber.”

Große Dunkelziffer

Eine Respektlosigkeit freilich, die schwer zu erfassen ist. Andreas Dorsch zum Beispiel, dem Geschäftsführer des Deutschen Golf Management Verbands, sind keinerlei Zahlen bekannt, wie viele Schwarzspieler(innen) es in Deutschland gibt und welchen Schaden sie den Clubkassen zufügen. Der Grund liegt auf der Hand: die Dunkelziffer. Jeder Club weiß zwar, dass er so gut wie nie jemanden erwischt – aber er weiß nicht, wie viele er NICHT erwischt.

Die seit 25 Jahren existierende öffentliche 18-Loch-Anlage Eschenhof etwa in Münchens Westen, bespielbar ohne irgendeine Clubmitgliedschaft, galt vermutlich als gemähte Wiese für Nichtzahlungswillige. Denn Tee 1 befindet sich weit vom Sekretariat entfernt auf der anderen Seite einer Landstraße. “Gelegenheit macht Diebe, macht Schwarzspieler”, so Dorsch. Vor allem frühmorgens und abends, wenn aus Etatgründen keinerlei Kontrolle mehr über die Bahnen ausgeübt wird. Und vor allem zur Winterzeit, wenn noch weniger Personal Dienst versieht.

Ein springender Punkt. “Erst, seit wir auf zwei Sheriffs im Mehrschichtensystem aufgerüstet haben”, so Eschenhofs Anlagenleiter Ingo Hartmann, “haben wir das besser im Griff.” Und “die wenigen Schwarzspieler, die wir seitdem noch schnappen, entdecken wir meistens auf der gebührenpflichtigen Driving Range. Das sind dann aber nicht die knallharten Betrüger mit frechen Ausreden, wie sie auf den Spielbahnen manchmal anzutreffen sind.”

Erfindungsreichtum bei Schwarzspielern

Erfindungsreichtum zeichnet Schwarzspieler generell aus: Wie zum Beispiel den jener zwei Herren, die dem Marshall weiszumachen versuchten, dass sie lediglich die Absicht gehegt hatten neun Löcher zu spielen und deshalb direkt vom Parkplatz aus zur 1 geeilt seien – und sie nach Absolvierung der neun Löcher sofort im Clubhaus ihr Greenfee entrichten würden. Pech für die beiden Gentlemen: Der Marshall wartete an der 11 auf sie …

Hartmann: “Ich habe den beiden einen Brief geschrieben, ganz höflich um eine Stellungnahme gebeten.” Als jedoch keine eintraf, sandte “ich auch einen Brief an den Präsidenten ihres Heimatclubs.”

Welch’ Schande. Doch immer noch ausgesprochen human gegen jenes Vorgehen, das sich “der Manager eines anderen Clubs”, dessen Namen Hartmann jedoch nicht preisgibt, ersehnt: “Am Baum von Loch 1 aufknüpfen, damit das jeder sieht.” Lynchjustiz-Wildwest-Lust im feinen Golf-Metier: Wer hätte gedacht, dass es so etwas tatsächlich gibt. Ein Mann sieht rot.

Im grünen Sport.

Lenin beim Golfen

Schwarz zu spielen kann rechtlich zwar durchaus als Unterschlagung betrachtet werden, aber es handelt sich dennoch lediglich um eine Ordnungswidrigkeit – wie ohne Ticket zu fahren im öffentlichen Nahverkehr. Gefängnis jedenfalls droht in Deutschland nicht.

Dafür jedoch in vielen Clubs eine lebenslange Platzsperre. Und Mitglieder, die beispielsweise im GC Ostseebad Grömitz der “Mitnahme von Schwarzspielern” überführt werden, heißt es in der Satzung, können vom Club ausgeschlossen werden.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, hat der Golfclub Am Deister in Niedersachsen eine pingelige Überwachung des Platzes angeordnet. “Vertrauen ist gut”, wird Lenin auf der Website zitiert, “Kontrolle ist besser” – um auch gegen modernste Ausreden gefeit zu sein, die da etwa lauten “Ich habe bereits online bezahlt”.

Bedeutsam für den Anlagenschutz sind Insidern zufolge auch Hinweisschilder, etwa: “Schwarzspielen wird zur Anzeige gebracht”. Und dass im Falle des Ertapptwerdens ein doppelt so hohes Greenfee entrichtet werden muss. Wie bei Ladendiebstahl im Supermarkt. Dank dieser Hinweise geht man, so Rechtsexperten, einen Vertrag mit dem Club ein, der verbindlich sei.

Wer vor oder nach den Sekretariat­-Öffnungszeiten spielen will, kann in zahllosen Clubs via Greenfee­Briefkasten seine Gebühr in bar in einem bereitgelegten Umschlag entrichten. Doch eine “Geiz ist geil”-­Denkweise oder das Prickeln, sich ein wenig dem verbotenen Reiz oder gar der Kleptomanie hinzugeben, verleitet manche Golfer eben doch dazu, schwarz zu spielen.

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