“Golf ist intuitiv – wie das Schauspiel”

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Er hat Englisch studiert, Psychologie, Philosophie und Pädagogik – aber alle Welt kennt ihn nur als den „Bergdoktor“. Hans Sigl, 50 Jahre alt, zieht mit dieser ZDF-Serie seit inzwischen zwölf Jahren wöchentlich bis zu sieben Millionen Zuschauer in seinen Bann. Ein Erfolg, der auch viel mit Sigls Leidenschaft für jene Dinge zu tun hat, mit denen er sich intensiv beschäftigt. Eines davon ist der Golfsport – sein Lieblingshobby, wenn es um Stressabbau geht.

Wie fing die Leidenschaft fürs Golfen an?

Hans Sigl: Die Leidenschaft begann in den Bergen. Heinz Marecek lieh mir nach einen stressigen Drehtag sein altes 7er-Eisen und meinte, „schlag einfach mal ein paar Bälle raus“. Manch einer der Bälle hat die Hütte auf der Driving Range verlassen, manch einer blieb liegen. Also beschloss ich, den Weg autodidaktisch zu gehen, habe schön langsam gelernt und die Platzreife in Eichenheim gemacht. 2008 habe ich mir dann ein eigenes Set gekauft und so getan, als könnte ich spielen. Das hat gut funktioniert, bis ich es zu ernst genommen habe und gemerkt habe, welches Universum dahintersteckt – das war dann der Beginn …

Was fasziniert Sie seitdem so am Golfsport? 

Sigl: Es ist für mich die Paradesportart, bei der man Seele, Körper und Geist miteinander verbindet. Dahinter steckt ein Riesenkosmos, und Golf ist wesentlich mehr, als es das Klischee vermuten lässt. Je länger man spielt, umso mehr taucht man in diesen Sport ein. Ich vergleiche es oft mit Zen-Bogenschießen. Für mich ist Zen die Kunst des Golfspielens, genauso meditativ und kontemplativ. Wie der Pfeil und das Ziel bedeuten auch im Golfen der Ball und der Weg ein meditatives Versenken in den Sport. Und nach 18 Löchern kommt man – wie aus einer Erlebniswelt – mit seinem eigenen Geist zurück, das finde ich super! Wenn’s auf der Runde allerdings schlecht läuft, fängt dann alles andere an. Man versucht dann das Warum zu ergründen. Diese Dialektik mit dem Sport finde ich einfach geil!

Wo lassen Sie die Kugel am liebsten fliegen?

Sigl: Ich finde jeden Golfplatz attraktiv, bin aber kein Golf-Reisender, der irgendwo bewusst zum Golfen hinfährt. In Kanada hat’s mir mal bei Whistler Mountain sehr gut  gefallen, obwohl da Bären auf der Bahn waren. Und da ich ja bei München lebe, muss ich ehrlich sagen: In ganz Oberbayern gibt es so viele herrliche Golfplätze, aber am liebsten spiele ich immer noch nach den Dreharbeiten in Ellmau, da, wo andere Leute Urlaub machen und ich arbeiten darf. Da gehe ich oft abends noch neun Löcher und komme schon nach zwei Löchern wieder runter von dem Fokus mit den Dreharbeiten, den Szenen und den Texten und all den technischen Abläufen.

Der Bergdoktor

Sehen Sie da Parallelen zum Golfen?

Sigl: O ja! Wenn Du Dir beim Schauspielern in einer S zene zu viel vornimmst und unbedingt gut sein willst, wird sie nicht gut. Wie beim Golfen, wenn Du die Kugel unbedingt ganz weit schlagen möchtest, aber einfach nicht loslassen kannst. Dann klappt es meist nicht. Dieses mentale Einstellen auf eine Situation ist sehr ähnlich zum Schauspielen: Beim Dreh musst Du die (technische) Position einhalten, exakt auf die Marke gehen, um Deinen Satz zu sagen, aber gleichzeitig die technischen Dinge alle vergessen können und mehr mit Emotion reingehen. Beim Golfen vergleiche ich die wichtige Pre-Shot-Routine in der Vorbereitung mit der Pre-Shoot-Routine beim Drehen. Da habe ich mir auch eine Vorbereitungsroutine zugelegt – mit Atem, Konzentration, Augen schließen, Balance und innerlicher Ruhe – bis es heißt: Bitte! Beim Golfen ist es doch genauso … wenn Du schon beim Aufschwung ein schlechtes Gefühl hast, wird der Schlag auch so. Aber man schafft es sehr schwer, abzubrechen, nochmals durchzuatmen und neu anzufangen. Und: Beim Golfen gibt’s im Gegensatz zum Dreh keinen Regisseur, der von außen draufschaut und sagt: Mach ma noch mal …! Beim Drehen hast du unendlich viele Mulligans …

Sie spielen Handicap 18. Ist ein gutes Ergebnis beim  Golfen für Sie wichtig – oder anders gefragt: Sind Sie ehrgeizig?

Sigl: Ich bin kein Scorer und Handicap-Mann. Die Zahlen sind mir eigentlich egal. Ein guter Score ist sicher toll und eine Runde ohne Doppelbogey auch. Beim Turnier vergesse ich das Turnier und spiele auch nie taktisch wie viele andere. Eigentlich beneide ich die Single-Handicapper gar nicht – die stehen doch schon vor dem ersten Abschlag immer unter Druck. Der Ehrgeiz, den ich habe, ist der, dass ich immer gerne den perfekten Flow im Schlag hätte, weil man dann q uasi barrierefrei im Kopf alles laufen lassen kann. Das strebe ich eher an als Zahlen auf der Scorekarte. Wenn ich mit Freunden zocke, freue ich mich auch über deren Siege … Neid gibt’s da keinen! Für mich gibt es auch  keine Freude darüber, wenn der Spielpartner einen Putt danebenschießt …

Welchen Vorteil hat für Sie das Golfspielen?

Sigl: Oh, da gibt es vieles: einerseits die festen Regeln, die Zählweise, die Konzentration und die Fairness, die sich für mich von selber versteht. Bescheißen geht gar nicht! Zudem finde ich es toll, beim Golfen immer andere Menschen kennenzulernen: Ich brauche nur zwei Löcher, um im Flight herauszufinden, wie jemand tickt. Oft sehe ich, wie streng die Menschen mit sich selber sind. Golfen legt sehr viel im Menschen bloß! Ich ärgere mich natürlich auch, zum Beispiel nach einer falschen Schlägerwahl. Aber das ist meist auch übersteigerter Wille. Golf legt die Psyche des Menschen immer wunderbar frei, finde ich. Das schönste Geschenk ist es für mich immer, wenn man zusammen mit den Mitspielern über sich selber lachen kann. Es ist nur ein Spiel, aber es offenbart sehr viel.

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Und was mögen Sie so gar nicht am Golfen?

Sigl: Die Halfway-Pausen, die bringen mich immer total raus … Und die neuen Regeln. Irrsinnig auf die Nerven geht mir das Ready-Golf. Es irritiert mich, weil so viele schöne Rituale damit flöten gegangen sind: zum Beispiel die Fahne bedienen, die Abschlagfolge etc. Für mich sind der Charme und die Eleganz beim Golfen durch die neue Hektik jetzt irgendwie weg. Alleine schon das ständige Chaos auf dem Grün: Der eine will die Fahne rein, der  andere raus. Ich dachte, die Hektik würde am Platz nicht einziehen …

Haben Sie ein Vorbild im Golf?

Sigl: Eindeutig Phil Mickelson! Der ist immer fair, spielt mit Erfahrung, Witz und ist ein Meister des Kurzen Spiels, das ja auch bei uns Amateuren so oft entscheidend ist. Und er ist einer, der immer ein bisschen mit einem Augenzwinkern spielt … Zudem macht er viel für den Nachwuchs, was bei uns in Deutschland oder Österreich immer noch viel zu kurz kommt. Da muss am Image des Golfsports noch viel getan werden: Es müssten zum Beispiel viel mehr Kurzplätze mit witzigen Übungsmöglichkeiten geschaffen werden, bei denen die Kids mit Spaß spielend lernen, und zwar in zwei und nicht in fünf Turnierstunden …! Und schon unsere Driving Ranges verlocken doch immer nur zum Draufhauen und weniger dazu, die Finessen zu üben. Bei uns scheint mir viel zu viel auf Leistung aufgebaut anstatt auf Fantasie.

Sie sind bei Mitspielern bekannt für Ihre grundsätzlich positive Denkweise. Schaffen Sie das auch nach zwei gestrichenen Löchern noch?

Sigl: Das ist die Aufgabe. Aber ich streiche keine Löcher, ich schreibe Smileys … und auch ich fluche manchmal, aber denke dann immer an Tiger Woods, der sich nie länger als zehn Schritte ärgert. Eine herrliche Einstellung! Was ich gar nicht mag, sind die vielen Wiederholungen mancher Spieler wie: “Hab ich’s doch gewusst!” “Der war zu kurz”, “Die Richtung stimmt” oder wenn Mitspieler ihre Partner dauernd loben, nach jedem Schlag ein beherztes “Spitze, Schatz” oder “Geiler Schuss, Spatzl …” Golf ist zumindest bei uns Amateuren doch so, dass wir sehr gute Schläge leider nie identisch reproduzieren können. Deswegen sind die Profis ja Profis. Generell ist der Golfsport ein sehr exzeptioneller Sport, der einem die Möglichkeit gibt, sich mit sich selbst zu konfrontieren, sich selbst zu spüren und auch herauszufinden, wer ich wirklich bin. Allerdings: Golf ist mit vielen Klischees behaftet. Wie beim Bergdoktor … Dabei ist die Wahrheit ganz anders. Golf ist für mich ein Spiegel des Lebens.

Der Bergdoktor

Was würden Sie, wenn Sie könnten, am Golfspielen  ändern wollen?

Sigl: Eigentlich ist alles gut so. Wie gesagt: Ich würde die Driving Ranges anders konzipieren. Wenn sich ein Partner findet, hätte ich gute Konzepte …

Warum ist Golf immer noch kein Volkssport geworden, weder in Ihrer Heimat Österreich noch in Deutschland?

Sigl: Das haben die enormen Aufnahmegebühren verschuldet. Als in den 80er-Jahren damals Tennis der Elitesport war, war man auch stolz darauf, in einem Club dabei zu sein. Generell denke ich, dass im Golf die freien Clubs zu spät kamen.

Können Sie Tipps von Coaches oder guten Golfern leicht umsetzen?

Sigl: Eigentlich ja, da kommt mir meine Ausbildung am Theater zugute. Es hat etwas mit Rhythmus zu tun, und ich habe gesungen und getanzt …

Golf global: Alle Plätze sind verschieden – welcher gefiel Ihnen wo bisher am besten?

Sigl: Immer der, auf dem ich gerade spiele. Aber Hawaii oder Kanada, da hat’s schon auch tolle Wiesen. Mein Heimatplatz “Wilder Kaiser” bei Ellmau beruhigt mich allerdings am meisten.

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Sie haben Psychologie studiert – was können Sie davon beim Golfen anwenden?

Sigl: In der Psychologie gibt es das Thema der Übertragungen. Das heißt, ein Problem wird verlagert. Wenn es also nicht so gut läuft und ich nehme es auf den Platz mit, kann ich Dir mit wenigen Schritten helfen, wieder auf den Punkt zu kommen.

Was, glauben Sie, ist beim Golfen am Ende für den Erfolg wichtiger: der Kopf oder der Körper, die Technik oder das Ballgefühl?

Sigl: Das unglaublich Schöne ist, dass es wie in meinem Beruf ein ganzheitliches System ist. Und so arbeiten jetzt auch die Coaches. Wenig Kopf, viel Balance und Rhythmus – und dann ist es ein wunderbar intuitiver Sport  geworden. So wie das Schauspiel. Viel darüber zu wissen, macht Spaß, aber es zu tun, ist Lust, pure Lust.

Das Interview führte Conny Konzack

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