Golftraum nonstop

White Sands National Monument1-19

Patrick Koenig kündigte, verkaufte sein Haus und fuhr ein Jahr mit dem Wohnmobil durch die USA, um Golf zu spielen.

Von Frieder Pfeiffer

Wenn Patrick Koenig davon berichtet, wie es ist, den Traum eines Golfverrückten zu leben – und welcher Golfer ist das nicht –, dann kommen in dieser Erzählung auch angreifende Bären vor und betrunkene Randalierer auf einem Supermarktparkplatz. „Ich würde mir wünschen, es wäre mir nur einmal passiert“, sagt der US-Amerikaner. „Es kam jedoch öfter vor.“ Es sind die wirklich wenigen Schattenseiten eines  Lebens in einem Camper – für das sich der frühere Angestellte einer Softwarefirma Ende 2017 entschied. Er kündigte seinen Job, verkaufte sein Haus und zog in das Wohnmobil – samt Golf-Bag, seinem Fotoapparat und der Vision, im Jahr 2018 einfach mal weg zu sein: auf dem Pilgerpfad eines Birdie-Jüngers, auf den schönsten Golfplätzen des Landes – auf Fairway-Tour.

“Was wäre” so hatte er sich bis dahin nach jedem Golftrip gefragt, “wenn ich nicht aufhören müsste, Golf zu spielen? Was wäre, wenn ich einfach die Straße hinunterfahren und zum nächsten Golfplatz gehen könnte? Wie wäre das: nie aufzuhören, Golf zu spielen?” Tagsüber Golf, mal 18, mal 36 Löcher, abends Wohnmobil, Tag für Tag, ein Jahr lang. Der Traum wurde zum Plan und schließlich Realität. Und aus dem RV, dem Recreational Vehicle, wurde RGV, das Recreational Golf Vehicle.

Golf-Schrein auf acht Metern

Seine mobilen vier Wände gestaltete Koenig wenig überraschend als kleinen Golf-Schrein mit Schlafgelegenheit. Er hat einen Fernseher, auf dem laut der Auskunft des Hausherrn nahezu durchgehend der Golf-Kultfilm „Caddyshack“ läuft. Darüber hinaus hat Koenig die Möglichkeit, in seiner Golfbibliothek die Golfrunde literarisch zu verlängern. Am kleinen Esstisch editiert Koenig, der sich mit seinen Golffotos im Netz eine große Fangemeinde erarbeitete, seine Bilder. Auf dem Dach: ein  Abschlag. Am Heck: ein getunter Elektromotorroller, der auch als Golfcart funktioniert.

RGV Tour - Cabazon Dinosaurs1-9Das Wohnmobil ist das Kraftzentrum bei einer Tour, in deren Verlauf Koenig 405 Kurse in 47 US-Staaten mit 793 verschiedenen Spielpartnern absolvierte. Auf seiner Homepage führt der Golf-Camper akribisch Buch. Er sammelte in den zwölf Monaten Birdies (689) und Eagles (13), aber auch gefahrene Meilen (35.576 = 57.254 Kilometer) und Tanzpartys im Wohnmobil (sechs).

Doch was bleibt nach so einem Jahr? Was macht eine perfekte Runde aus? Für Koenig ist diese Frage einfach: “die Menschen, mit denen ich Golf spiele”. Und was macht einen Golfplatz großartig? Nachdem er lange unschlüssig war, glaubt er nun, eine Antwort gefunden zu haben, wie er GolfTripX erzählt: “Es geht um die Anordnung der Bahnen, das Routing, das Führen des Golfers. Diese Charakteristik entdeckt man am besten zu Fuß. Ein perfekter Platz fließt – und verfügt über eine Vielzahl von Lochdesigns. Cypress Point in Pebble Beach, Kalifornien, ist in dieser Hinsicht schwer zu schlagen.”

Geduld und Erfahrung

Und wie verändern sich das Leben und der Blick auf Golf? “Ich bin geduldiger”, antwortet er, “erfahrener.” Er bezieht das nicht nur auf sein Golfspiel. “Erfahren bedeutet, dass ich heutzutage mit Schwierigkeiten besser zurechtkomme. Ich bin in der Lage, Probleme von mir abprallen zu lassen. Ich versuche einfach, mein Bestes zu geben mit dem, was möglich ist.” Dieses Jahr der Golfreise, es war eines der sportlichen Entwicklung. Das Handicap schoss von minus fünf auf zwischenzeitlich plus eins und pendelte sich am Ende bei minus eins ein. Doch vor allem war es für den Camper-Golfer dann doch ein Eintauchen in den Menschen Patrick Koenig, der zwar viele Leute traf, aber dennoch der einsame Wanderer war. So fiel sein Blick am Ende häufig auf sich selbst, was zu diesem Sport passt, in dem der größte Gegenspieler und der beste Mitspieler man stets selbst ist. “Selbstverbesserung ist immer ein Prozess. Und ich bin sicherlich ein Mann mit vielen Fehlern”, erklärt Koenig seine Erfahrungen.

PJK_1483Seine Frau freute sich dennoch, dass er nach einem Jahr zurückkam. “Wir sind beide sehr unabhängig, und alles wäre anders, wenn wir Kinder hätten. Aber sie wusste, dass das mein Traum ist. Also ließ sie mich ziehen.” Ein Traum mit einigen Höhepunkten, auch wenn Koenig sagt, dass im Wohnmobil natürlich jeder Tag besonders war. “Es ist so extrem hart, es einzugrenzen auf die paar Momente, die herausstechen.” Er versucht es dennoch: “Oak Tree National, Oklahoma, bei rund vier Grad Celsius und Wind von fast 60 Stundenkilometern war speziell – aber weniger schön. Natürlich war die letzte Runde in Bandon Trails ziemlich unvergesslich.” Hier lochte er vor ein paar Freunden seinen letzten Ein-Meter-Putt zum Par – in dicker Schlechtwettermontur. Koenig stammt aus Oregon, für “The First Tee” im Raum Greater Seattle, eine US-Vereinigung, die den Golfsport Jugendlichen näherbringt, sammelte er über das Jahr 20.000 US-Dollar. “Es war unglaublich cool, Leute zu sehen, die so glücklich sind, Teil meiner kleinen Golftour zu sein. Die Übergabe des großen Schecks war ein Moment, den ich nie vergessen werde.”

Obama und Clinton

Doch natürlich ging es auch um ihn selbst. Um seine Fotos, mit denen er die Golfwelt begeistern will. Auf Instagram folgen ihm inzwischen knapp 80.000 Menschen, die auch weiterhin besondere Golforte sehen und kuriose Geschichten hören wollen von dem Mann, der immer mal wieder sein acht Meter langes Wohnmobil am Straßenrand abstellt, um vom Dach Bälle in die Pampa zu schlagen.

DJI_0057Die interessantesten Geschichten erzählen die Zufälle – und zwei frühere US-Präsidenten. Mit beiden schaffte er es nicht gemeinsam auf den Abschlag. Aber fast. In Olympia Fields, Illinois, spielte er in der Gruppe hinter Präsident Barack Obama, wobei seine Kamera von den Sicherheitsleuten gründlich inspiziert wurde. Und Ex-Präsident Bill Clinton traf er in Sleepy Hollow, New York, einem seiner absoluten  Lieblingsgolfplätze. Dabei durfte er im Pro-Shop Clinton ein paar Insiderinformationen bezüglich der damals stattfindenden Open Championship geben. Seitdem nennt sich Koenig auch “Berater des Präsidenten”.

Es ist kein Wunder, dass Koenig versucht, beruflich nun voll auf Golf und seine Kamera zu setzen. Sein Terminkalender ist auch in diesem Jahr gut gefüllt. Im Frühsommer 2019 besuchte er Kanada, er war auf Hawaii, in Chicago, South Bend, Idaho und in Portugal und Frankreich.

Seine große Leidenschaft gilt derzeit einem Buchprojekt, das er bald abgeschlossen haben will: ein RGV-Tourbuch. “Es gibt darin Listen, Fotos und Geschichten, die dich zum Lachen und Weinen bringen”, sagt Koenig. Trotz all der neuen Projekte vermisst er nach eigenen Aussagen seine Camper-Tour: “Ja, ich kann noch viel Golf spielen, aber diese RGV-Tour-Runden waren einzigartig.” Das Wohnmobil steht jetzt deutlich öfter, Bälle werden nur noch selten vom Dach geschlagen und den Film Caddyshack sieht Koenig auch
Die 16 in Cypress Point eines der besten Löcher der Welt nicht mehr so häufig. Aber ganz eingemottet hat Koenig “The Boss”, wie er sein Wohnmobil nennt, noch nicht. “Neulich bin ich damit nach Bandon Dunes gefahren. Ein Freund hat geheiratet. Ich habe die Hochzeit fotografiert und wir haben Golf gespielt. Viel Golf.” Es war dann doch mal wieder wie auf der Tour: schlafen und Bälle schlagen, feiern und Fotos schießen. Vielleicht darf man sagen: Patrick Koenig hat den Golftraum zu seinem Leben  gemacht.

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