Hallo, Fremder!

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Mit Unbekannten in einen Flight gesteckt zu werden, kann sich erst unangenehm anfühlen – und dann die Runde retten.

Von Mercedes Lauenstein

Der Albtraum-Satz meiner ersten Golfmonate stammte von der Person hinter dem Empfang und lautete: “Um zwei wäre noch was frei, da wären Sie allein. Aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass das auch so bleibt.” Die einzige Variable in dem Satz ist die Uhrzeit. Ansonsten hört man ihn so immer wieder, denn in einem Flight ist nun einmal Platz für vier Leute.

Mein Freund zuckte mit den Achseln, sah mich “Okay für dich?”fragend an. Ich gab kleinlaut die einzige richtige Antwort: “Okay!”

Was ich wirklich dachte, war nur für Menschen mit entsprechender Begabung in einer über meinem Kopf aufsteigenden  Comic-Denkblase zu sehen: „HALLO? Ich LIEBE Golf, aber Golf ist SAUTEUER und eine Runde dauert SEHR LANG, da geh’ ich doch nicht das Risiko ein, mir das Spiel durch die Anwesenheit irgendwelcher IDIOTEN zu versauen! Bitte liebes Universum, mach, dass niemand kommt, schick ihnen einen Stau, schick ihnen WAS AUCH IMMER, aber lass uns allein spielen!“

Zur Driving Range laufend jammerte ich meinen Freund voll: „Hoffentlich kommt keiner mehr! Was, wenn doch? Was, wenn die blöd sind? Ojemineminemine!“

Er: „Hättest du es halt gesagt.“

Ich: „Neeeein, geht ja auch nicht, dann hätten wir ja gar nicht spielen können!“

Er: „Dann kann ich dir auch nicht helfen.“ Da hatte er recht.

Misserfolge schweißen zusammen

Es ward zwei, wir fanden uns am Abschlag ein und dort standen sie schon: eine junge, stramme, dunkelhaarige Frau vom Typ Profischwimmtrainerin und ihr bulliger Partner. Beide topausgerüstet mit Bags von üppiger Größe, Elektro-Caddies und  Sonnenschirmen, Ferngläsern und Entfernungsmessgeräten. Angst!

Aber wie jeder weiß, lockert ein großflächiges Lächeln von Herzen schon gleich alles auf, also versuchte ich es für den Anfang mal damit und mit einem gut gelaunten Hallo. Ihre Antwort auf meinen Annäherungsversuch? Lediglich ein kühles Nicken. Dann betretenes Schweigen. Sie dort, wir hier. Sie flüsterten verschwörerisch miteinander. Leicht befangen warteten wir, dass der Flight vor uns einlochte. Dann gerieten wir doch noch ins Plaudern. Stellte sich raus: Sie waren eigentlich ganz lustig. Und sie hatten Handicap 7 und Handicap 5.

Angst! Dann Abschlag er. Riesenslice ins Aus.

Mit den schlechten Schlägen anderer ist es ja immer ambivalent. Einerseits schießt einem der pure Anblick eines versauten Fremdschlags empathische Schmach in die Beine und man wünscht sich für den Mitspieler, dass er’s jedenfalls gut verkraftet, möchte hinlaufen, ihm auf die Schulter klopfen und sagen: „Hey, üüüberhaupt gar nicht schlimm!“ Andererseits juchzt man auch ein klein wenig triumphierend auf und denkt: Ich bin also nicht die Einzige, der so ein Mist passiert.

Für uns alle lief das erste Loch ziemlich schlecht. Doch der beinahe flächendeckende Misserfolg des ersten Lochs schweißte uns mehr zusammen als jeder Erfolg. Die Runde ging voran, wir unterhielten uns nicht zu viel, nicht zu wenig, trösteten uns mit mitfühlenden Blicken oder blöden Sprüchen bei verlorenen Bällen,  lobten Wahnsinnsschläge – und schon war die Runde vorbei.

Anstand reguliert Gefühlschaos

Nach fast vier Jahren Golfspielen kann ich gar nicht mehr zählen, wie viele Runden ich schon mit Fremden gespielt habe. Und ich kann mich an keine erinnern, die nicht auf ihre Weise nett gewesen wäre. Meine fürchterlich banale und doch bahnbrechende Erkenntnis: Die meisten Menschen sind wahnsinnig nette Leute, die auch nur eine gute Zeit haben wollen. Und von jedem Einzelnen kann man etwas lernen. Mal spielt man mit uralten Knackern eine der letzten Runden ihres Lebens, mal mit superehrgeizigen Leistungsfreaks, die sich ihre Fehlschläge nicht verzeihen können. Am Ende aber spielt jeder nur gegen sich selbst und schon allein deshalb gibt es nie Anlass für Streit untereinander.

Und das Schöne ist ja nicht nur, dass man auf so einer Runde mit Fremden die eigenen Vorurteile als Spiegel der eigenen Ängste entlarvt, sondern auch, dass man sich in der Gesellschaft ganz anders zusammenreißt als gegenüber dem Partner oder engen Freunden. Man schleudert den Schläger aus Frust gegenüber Fremden nicht gegen den nächsten Baum, fängt nicht einfach an zu schreien. Soll unter Freunden alles schon vorgekommen sein.

Der Anstand unter Fremden reguliert das eigene Gefühlschaos. Mittlerweile spiele ich an emotional besonders fragilen Tagen lieber mit Fremden als mit Freunden. Weil ich weiß, dass ich dann aus purer Höflichkeit weniger jammere. Und mir so auch selbst viel weniger auf den Geist gehe.

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