Hauptsache Strom

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Leben mit der Krise: Im GC Valle Arriba in Caracas ist Golf längst nur noch  eine Nebensache – und Selbstversorgung das große Thema.

Von Petra Himmel

Das Video des Golfplatzes von Valle Arriba in Venezuelas Hauptstadt Caracas zeigt Papageien. Sie sitzen auf dem Geländer am Rande der Veranda des Clubhauses – ein perfektes Motiv vor den vielen tiefgrünen tropischen Pflanzen. So träumt man Golf in Südamerika.

Das erste Skype-Gespräch mit Felix Clemente, Präsident des GC Valle Arriba, ist mühselig. Im Hintergrund stört das Geratter des kleinen Generators, mit welchem der Neurochirurg seinen eigenen Strom erzeugt. Das Gespräch wird zigmal unterbrochen – der Strom fällt aus. Caracas ist in den Tagen des Diktators Nicolás Maduro zur Hauptstadt eines Dritte-Welt-Staats verkommen, und der Golfclub mitten in der Stadt ist Teil der Krise.

An Golf denkt in Tagen des Aufstands, der Knappheit von Lebensmitteln und Arzneimitteln kaum einer mehr. “Es spielen sowieso immer weniger Golf, weil die schreckliche politische, wirtschaftliche, gesundheitliche und soziale Situation jeden Tag schlechter wird”, resümiert Clemente, der selbst das einzige Mitglied seiner Familie ist, das es noch in der Hauptstadt gehalten hat. Seine Arbeit als Neurochirurg hat sich mangels Patienten und Arzneimitteln um 85 Prozent verringert, der Präsident des Golfclubs steckt den Großteil seiner Zeit jetzt in den Club und lebt vom Gesparten.

Meeting-Point für Übriggebliebene

Aus dem Golfclub als einstigem Treffpunkt von Diplomaten, Ausländern und wohlhabenden Venezolanern ist inzwischen eine Art Meeting-Point für die Übriggebliebenen geworden. Als in der Millionenstadt Anfang März mehrere Tage der Strom komplett ausfiel, trafen sich Hunderte von Mitgliedern über Tage hinweg im Clubhaus – nicht zum Golfspielen, sondern weil es hier Strom gab, Wasser, Licht und Essen. “Wir haben zum Glück vor einigen Jahren einen eigenen Brunnen gebohrt und selbst einen Generator zur Erzeugung von Strom installiert”, erklärt Clemente. “Als es tagelang nirgendwo Elektrizität gab, haben sich die Familien der Mitglieder alle hier aufgehalten. Wir konnten wenigstens kochen.” Seitdem haben die Clubmitglieder einen zweiten Brunnen gebohrt. 100-prozentige Selbstversorgung ist das Ziel.

Die galoppierende Inflation hat auch den Betrieb der Golfanlage zu einer unsicheren Veranstaltung gemacht. “Wir haben den Beitrag auf Dollar umgestellt, weil der venezolanische Bolivar täglich an Wert verliert”, erklärt Clemente. Auch die Krankenversicherung für die Angestellten bezahlt der Club in Dollar, damit sie gültig ist. Über Golf wird in Valle Arriba nur noch wenig gesprochen. Es geht nur noch um die Krise und all die Freunde und Geschäftspartner, die inzwischen in Kolumbien, Brasilien oder einem anderen Land Südamerikas gelandet sind. Dass die Golfanlage selbst in dem Chaos eine Insel der Glückseligkeit ist, deren Mitgliedern es im Vergleich zum Durchschnitts-Venezolaner noch ordentlich geht, ist Clemente bewusst. Drei clubeigene Stiftungen unterstützen inzwischen die Familien der Angestellten.

Wann das Chaos ein Ende hat? “Alles ist jeden Tag anders”, sagt Clemente. Dann ist das Gespräch zu Ende … die WLAN-Verbindung in Caracas versagt. Mal wieder.

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