Hilfe, nackter Mann im Rough

Was tun? – Keine leichte Aufgabe, selbst für regelfeste Damen

Von Ernst Fischer

Drei Damen schreiten über einen Golfplatz. Eine sucht ihren Ball im Rough und stößt auf einen nackten Mann, der, nur mit einer Zeitung über dem Gesicht, hinter ein paar Büschen friedlich in der Sonne schläft. Der Ball ruht direkt neben ihm. Die Dame hastet zu ihren Gefährtinnen zurück. „Ich habe meinen Ball gefunden, aber da liegt ein nackter Mann. Gott sei Dank ist es nicht meiner.“ Da geht die Zweite kurz entschlossen zu der Stelle, kommt zurück und erklärt: Ja das stimmt, Dein Mann ist es nicht.“ Nun will es auch die Dritte wissen und berichtet: „Das ist überhaupt keiner aus unserem Club.“

Ein bisschen geschmacklos, ja unfair, diese Geschichte; Damen des Typs zwei mag es ja geben aber Typ drei weisen wir im Namen unserer geschätzten Golfkameradinnen zurück. Aber ums Sittlich-Moralische geht es uns gar nicht. Es handelt sich hier um eine knifflige Regelfrage, die sich so selten nicht stellt. Es liegen ja mehr Nackerte auf Golfplätzen herum, als man glaubt. Also: Was ist in dieser heiklen Situation zu tun?

Es ist anzunehmen, dass die Damen zunächst Regel 24 in Anspruch nehmen wollen. Hierbei geht es um bewegliche und unbewegliche Hemmnisse. Das soll nicht heißen, dass Frauen Männer grundsätzlich für Hemmnisse halten. Nein, bei dieser Regel könnten die Damen straflos Erleichterung in Anspruch nehmen. Bewegliche Hemmnisse sind solche, die sich ohne übermäßige Anstrengung, ohne unangemessene Verzögerung des Spiels und ohne Verursachen von Beschädigung bewegen lassen. Sollen die Damen den nackten Mann also vorsichtig wegtragen? Das könnte zu peinlichen Situationen führen bis hin zu anhaltenden Konzentrationsstörungen. Aber die Regel sagt auch, Hemmnisse sind alles Künstliche auf dem Platz und das trifft auf den nackten Mann bestimmt nicht zu. Nein, Regel 24 hilft nicht weiter.

Nehmen wir Regel 23. Hier geht es um lose hinderliche Naturstoffe. Ein Naturstoff ist unser Mann tatsächlich. Und hinderlich und lose auch. Das Regelwerk nennt aber nur Steine, Blätter, Zweige und Äste, sowie Aufgeworfenes aller Art, sofern die betreffenden Gegenstände weder befestigt noch angewachsen oder fest eingebettet sind. Lose hinderliche Naturstoffe können durch Bearbeitung zu Hemmnissen umgeformt werden. So ist zum Beispiel ein gefällter Baumstamm ein loser hinderlicher Naturstoff. Wenn er gespaltet wird und Füße an ihm angebracht werden, so ist er durch die künstliche Veränderung zu einer Bank geworden und somit ein Hemmnis (Originaltext Regelwerk!). Aber wir wollen um Gottes willen niemanden auf eine falsche Spur bringen. Ehrlich gesagt, Regel 23 hilft auch nicht weiter.

Wir empfehlen Regel 19. Wird ein Ball in Bewegung zufällig durch etwas abgelenkt oder aufgehalten, das nicht zum Spiel gehört, so gilt dies als Spielzufall, ist straflos und der Ball muss gespielt werden wie er liegt, heißt es da. Und weiter geht es: Kommt ein Ball in Bewegung in oder auf nicht zum Spiel Gehörigem zur Ruhe, das sich bewegt oder lebt (also zum Beispiel Schildkröten, Ochsen, Männer), so muss der Spieler beziehungsweise die Spielerin so nahe wie möglich der Stelle, wo sich das nicht zum Spiel Gehörige befand, den Ball fallen lassen und kann straflos weiterspielen. Also unser Mann kann ruhig bleiben, der Ball wird weitergespielt. Das ist den Regeln gemäß, aber auch menschlich eine schöne Lösung.

Nun kennen wir resolute Golfspielerinnen, die hier überhaupt kein Regelproblem sehen. Sie werden den Mann kräftig in die Seite treten und ihn mit dem Eisen 5 wild fuchtelnd verjagen. Sie handeln hier im Sinne des Clubs und des Greenkeepers und können bei der Generalversammlung mit einer lobenden Erwähnung rechnen. Aber natürlich nur, wenn Sie sicher sind, dass der Mann im Rough kein Clubmitglied ist. Gut und praktisch, wenn eine Dame vom Typ drei mit ihm Flight ist, die es aber eigentlich gar nicht gibt.

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