Im Visier

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Über den Wunsch, auf der Driving-Range ungestörter von den Blicken anderer zu trainieren und was man von diesem Wunsch lernen kann.

Schon mal jemandem aufgefallen, dass eine Driving-Range gewisse Ähnlichkeiten mit dem Umkleide-Bereich im Kaufhaus aufweist?

  1. Beide Orte sind zum Herumprobieren gedacht.
  2. Alle Slots befinden sich in einer Reihe und man muss erstmal einen finden, der frei ist.
  3. Man nimmt sich Material zum Herumprobieren mit.
  4. Jeder Ball, den man schlägt, ist wie ein Kleidungsstück, das man probiert und jeder Schwung auf der Matte wie die hoffnungsvolle Pose vor dem Spiegel: Sitzt? Oder sitzt nicht? Sitzt vielleicht besser, wenn ich hilflos ein paar Verrenkungen und Grimassen ausprobiere, die aber schon aus eigener Perspektive ziemlich dämlich aussehen?

Der riesige Unterschied zwischen Umkleidekabine und Driving-Range ist, dass eine Umkleidekabine Vorhänge hat und die eigenen Körper-Experimente vor den Blicken der anderen bewahrt. Schlimm genug, dass man in dem neuen Teil fett und unförmig aussieht oder auf den Schuhen keinen Meter laufen kann, aber jedenfalls bekommt es niemand mit.

Intimität der Driving Range schützenswert?

Auf der Driving-Range hingegen steht man bar nebeneinander aufgereiht und probiert und experimentiert und schwingt und dödelt auf seiner Matte vor sich hin. Im schlimmsten Fall sitzt kein einziger Schlag und alle können’s sehen. Wenn das nicht intim ist, fresse ich mein 5er-Eisen. Und doch hält niemand die Intimität der Driving-Range für schützenswert.

Wer jetzt denkt: Was faselt die Frau denn da? Stört mich doch nicht, auf der Driving Range mache ich in aller Ruhe meine Schläge und die anderen Menschen blende ich einfach aus – Herzlichen Glückwunsch! Sie sind offiziell bei bester mentaler Gesundheit und völlig im Reinen mit all ihren Schwächen und Stärken.

Bedenklich wird es erst wieder, wenn sie stattdessen gedacht haben: Stört mich doch nicht, ganz im Gegenteil, ich LIEBE es, anderen auf der Driving Range zu zeigen, was ich drauf habe.

Wenn Sie zwischendurch wildfremde Matten-Nachbarn dazu auffordern “mal eben zu gucken”, was das für “Hammerschläge” seien, die Sie da grad “runterzimmern”. Oder zu jenen Prachtexemplaren gehören, die ständig “mal einen kleinen Tipp” für ihren Matten-Nachbarn parat haben, weil sie jetzt schließlich schon “seit einer ganzen Weile” beobachten, was man da mit dem linken Fuß “Seltsames” mache und das “einfach nicht mehr mit ansehen” können: “Sie erlauben doch, dass ich…?” NEIN!

Den eigenen Dämonen begegnen

Ob Übergriffigkeit, Minderwertigkeitskomplexe, Gefallsucht, Exhibitionismus oder Verfolgungswahn –  auf der Driving-Range kommt’s raus. Ein paar Stunden Selbstbeobachtung an diesem magischen Ort der Rundenvorbereitung und potentiellen Leistungssteigerung verraten einem mindestens so viel über die eigenen Psyche wie ein paar Stunden beim Psychologen. Erzählen kann man nämlich vieles. Akut auftretende Ängste hingegen sind schwer intellektuell zu beeinflussen – und aussagekräftiger als einem lieb ist. Ich zum Beispiel behaupte auf Nachfrage überzeugt, dass es mir völlig egal sei, was Leute von mir hielten, ich immer unbeirrt mein Ding durchzöge und ich auch gar nicht weiter glaubte, jemanden interessiere groß, was ich täte. Kaum jedoch betrete ich eine Driving-Range und richte mich auf meiner Matte ein, holen sie mich alle ein, meine niederen Ängste, Fetische und Sehnsüchte: Hilfe, wieso gucken die mich denn alle an?

Ob sie wirklich gucken oder nicht – geschenkt! Wenn ich ihre Blicke nicht direkt erwische, verbergen sie diese eben gut. Die warten doch nur drauf, dass ich den ersten Schlag tue, damit sie mich verurteilen können. Greife ich schließlich zum Schläger, fühle ich mich sofort verachtet. Bemitleidet. Zum hoffnungslosen Fall erklärt. Ich spüre die Blicke der anderen in meinem Nacken, auf meinen Füßen, auf meinen Händen, auf meinem Hintern, auf meinem Schwung. Alles an mir kommt mir plötzlich lächerlich vor, sogar meine Ausgangsposition fühlt sich verkehrt an, ich sehe bestimmt aus wie eine senile Ente mit Harndrang. Und das, wo doch Sean Connery oder Katherine Hepburn die Idee waren! Oft blicke ich inmitten meiner Schmach auf, um die Blicke der anderen endgültig zu bestätigen. Doch dann guckt wieder keiner. Doch, halt! Wer redet denn da hinten? Die reden doch über mich, ich fühl’s, ich fühl’s genau! Die haben es auf mich abgesehen, die lästern über meine verhauenen Bälle, die wollen mich fertig machen! Ich blicke wieder auf. Na gut, scheinen weder zu lästern noch in irgendeiner Hinsicht mich zu meinen. Ich falle denen nicht mal auf. Merken die überhaupt, dass sie nicht allein auf der Range sind? Eigentlich auch wieder eine Frechheit. Und warum? Weil die Leute nämlich in Wahrheit alle mit ihren eigenen Schlägen und inneren Grabenkämpfen beschäftigt sind. Gilt natürlich mal wieder auch fürs Leben außerhalb des Golfplatzes. Wie tragisch! Wie tröstlich!

Merke: Die Driving-Range ist sicherlich ein guter Ort, um Golfschläge zu üben. Noch viel besser aber als Golfschläge kann man hier lernen, den eigenen Dämonen zu begegnen. Und sie freundlich zu bitten, ein für allemal die Klappe zu halten und das Ganze bitte als einfaches Spiel zu betrachten. Ganz so als ginge es in Wahrheit um nichts, außer Spaß und Bewegung an der frischen Luft. Wie bitte, auf einmal fliegen die Bälle, wie sie sollen? Zauberei! Vielleicht sollte man es außerhalb des Golfplatzes auch mal mit dieser Einstellung versuchen.

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