Major-Maschine

U.S. Open – Round Three

Brooks Koepka hat sich innerhalb von nicht einmal zwei Jahren mit vier Major-Titeln eher leise zum derzeit dominierenden Golfer entwickelt.

Von Frieder Pfeiffer

Manchmal spielen sich die großen Dinge dort ab, wo die Welt nicht so genau hinschaut. Tiefgreifende Umwälzungen im Abseits, so überraschend wie prägend – und die Strahlkraft dieser Momente bleibt lange verborgen, bevor alle merken: Damals ist es tatsächlich passiert.

Der 14. Mai 2019 könnte so ein Tag gewesen sein. An diesem Dienstag positionierte sich Brooks Koepka auf der Driving Range der berühmten Golfanlage in Bethpage, New York, direkt neben Tiger Woods. Es war die Woche der PGA Championship, des zweiten Majors des Jahres – die Heroen auf 100 Prozent, jeder Muskel angespannt, die Körper austrainiert. Koepka und Woods schlugen nebeneinander die Bälle in den Himmel. Koepka sah Woods. Woods sah Koepka in seinem Rücken nicht. Zwei Tage später gingen beide gemeinsam auf die Runde. Nach 36 Löchern hatte Woods 17 Schläge Rückstand auf Koepka. Der gewann sein viertes Major innerhalb von nur 23 Monaten. Woods fuhr noch vor dem Wochenende nach  Hause. Provokation und Demontage. Es ist ein Spiel, das Woods immer beherrschte. Auf der Gewinnerseite. Nun kennt er wegen Koepka auch die Verliererposition.

Endlich der wahre Thronfolger?

Und so geht von diesem 14. Mai 2019 die Frage aus: Was wäre, wenn bei der intensiven, Jahre andauernden Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Tiger Woods bei  allem Engagement der wahre Thronfolger eine kleine Ewigkeit übersehen worden wäre?

U.S. Open - Round ThreeHätte man diesen Brooks Koepka früher wahrnehmen müssen als kommende Golf-Größe? Diesen Fitnessfreak mit dem Hobby Gewichtheben, der nur deshalb den Weg
zum professionellen Golfsport fand, weil er nach einem Autounfall den Traum von einer Karriere im Basketball und Baseball aufgeben musste? Der als jugendliches Golftalent nie die großen Bäume entwurzelte, der die Welt auf der zweitklassigen Euro-Tour bereiste, während in der Heimat ein vermeintlicher Golfstar nach dem anderen zum Woods-Nachfolger erkoren wurde?

Als Koepka in die USA zurückkehrte, gewann er schnell sein erstes großes Turnier auf der US PGA Tour, 2017 dann ein Major, die US Open. Dann noch eines, die US Open 2018. Und einen Monat später das nächste: die PGA Championship. Noch immer sprachen die Menschen  wenig von diesem Muskelathleten mit dem präzisen Golfspiel. Drei Major-Siege, klar, aber Rory McIlroy! Jordan Spieth! Dustin Johnson! Brooks Koepka blieb so ruhig, wie es auch um ihn herum blieb. Die Buchmacher erklärten die anderen zu Favoriten, er gewann – noch einmal. Drei Titel bei den vergangenen fünf Majors. Vier Major-Siege in 23 Monaten. So schnell ging es noch bei keinem. Nicht bei Jack Nicklaus, nicht bei Woods, auch nicht bei Spieth und McIlroy. Und Johnsons Major-Zähler steht bei: 1.

“Das pisst mich an”

Der einflussreiche TV-Kommentator Brandel Chamblee nannte ihn während des Masters in Augusta, bei dem er Zweiter wurde, “zu weich”. Er habe nicht die Qualität  eines Woods, McIlroy oder Johnson. Koepka antwortete nach Major-Sieg Nummer 4: “Das pisst mich an.” Natürlich habe er lange mit einem Komplex gespielt, verrät Koepka heute. Er stellte sich Fragen, die nicht zu beantworten waren. Warum Rory und nicht er? Weil der Nordire schon zwei Majors gewonnen hatte, als er auf der Challenge Tour noch in Kenia und Kasachstan spielte? Oder weil er lieber einen Schläger in der Hand hat als ein Mikro?

U.S. Open - Round ThreeKoepka weiß selbst, dass seine Sehnsucht nach Ruhe, die er auch ausstrahlt, damit einhergeht, dass er für draußen nicht wirklich interessant wirkt. Gleichzeitig nervt ihn – das ist die Krux – das Übersehenwerden durchaus. Also versucht er, sich ein wenig zu öffnen. Dieser Spagat ist für ihn schwieriger als ein 480 Meter langes Par 4. “Ich versuche nicht, mir auf die Zunge zu beißen. Ich will ich selbst sein, ich will sein, wer ich wirklich bin.” Er habe die  Medien als Feind angesehen. “Doch der Versuch, sie als Ventil zu benutzen, war ziemlich demütigend, gelinde gesagt.”

Die Sache mit dem Komplex dürfte Koepka nun abhaken. Zu wenig sichtbar? Zu weich? So unverständlich die Kritik, so hart die Reaktion. Einen Tag vor seiner Provokation auf der Driving Range ließ Koepka in der Pressekonferenz wissen: “Ich denke, manchmal sind Majors die Turniere, die am einfachsten zu gewinnen sind.” Koepka, mit inzwischen doppelt so vielen Major-Siegen wie ordinären Titeln auf der US PGA Tour, wusste, dass er damit Grenzen der Gepflogenheit einriss – und ließ die Tatsache nicht einfach so stehen:”„Es gibt 156 Spieler, mindestens 80 kann ich schlagen. Die Hälfte wird nicht gut spielen, bleiben also 35. Von denen sind manche dem Druck nicht gewachsen. Bleiben nur ein paar – und diese Typen musst du dann einfach schlagen.”

Spielverderber Koepka

Wenn Koepka diese Major-Formel nicht schon viermal innerhalb kürzester Zeit gelöst hätte – man würde ihn als Großmaul vom Kurs jagen. Doch es ist das Paket aus großen, gerne leise und bedacht gesprochenen Worten, die mit großen Taten einhergehen. Hinzu kommt sein effektives, schnörkelloses Golfspiel, das Koepka zum vielleicht modernsten Golfer seiner Generation macht. CNN nennt ihn die “Major Machine” und kürt ihn zum “wahren Erben von Woods”. “Sports Illustrated” sieht in ihm einen “Trackman-optimierten Killer”.

PGA Championship - Preview Day 3Eine ganze Generation könnte nun Gefahr laufen, zum Opfer des Amerikaners zu werden. Woods nahm einst seinen Konkurrenten, angefangen von Phil Mickelson über Ernie Els bis Vijay Singh, die Chance auf viele Major-Siege, weil er schlicht zu dominant war und sich die großen Titel in Serie holte. Brooks Koepka ist auf einem guten Weg, ähnliche Spielverderberqualitäten zu entwickeln. Mindestens zehn Majors, so gibt er selbst zu, sieht er als realistisch an. Und wieso auch nicht? Vielleicht, weil es schon einige Golfer gab, die über eine Spanne von rund zwei Jahren das beste Golf ihres Lebens spielten? Der Ire Padraig Harrington, dreifacher Major-Sieger 2007 und 2008, sagt: “Jeder hat solche 18 Monate in sich.” Koepka will davon nichts hören. “Die vergangenen zwei Jahre haben so viel Spaß gemacht.” Er will nicht einsehen, dass es damit schon wieder vorbei sein soll.

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