Mini-Everest

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Die Himalayas sind ein Unikum im Golfsport – so wie der St. Andrews Ladies’ Putting Club, der sie betreibt.

Text: Petra Himmel

Welches genau der Mount Everest unter all’ diesen Hügeln ist, lässt sich an diesem Tag nicht feststellen. Zu unüberwindlich, zu kompliziert und vertrackt sind all’ diese Steigungen und Schrägen. Vielleicht, so ahne ich nach den ersten zehn Minuten, ist mir ein schwerwiegender Fehler bei der Wahl der Löcher unterlaufen. „Man fängt da unten in den „Plains“, den Niederungen also, an und arbeitet sich dann hoch zu den „hills“, den Bergen, hat mir Margaret Philipps als Kennerin des Geländes geraten. Die Himalayas im Sturm zu nehmen und sich gleich ins steile Gelände zu wagen, dieser übermütige Versuch ist gescheitert; an einem sonnigen aber windigen August-Tag im schottischen St. Andrews, als ich mich nachmittags auf diesen Golfplatz wagte, der allein dem Putten vorbehalten ist – über den wir aber niemals sagen würden, dass es sich um eine schnöde Mini-Golfanlage handelt.

In gewisser Weise ist dieses Spielfeld, das direkt hinter den Dünen des weiten Strandes des Universitätsstädtchen St. Andrews liegt, eine archaische Angelegenheit. Hier, rechterhand eingequetscht zwischen dem ersten Grün und dem zweiten Abschlag des berühmten Old Courses, hat der 1867 gegründete St. Andrews Ladies’ Putting Club, der weltweit älteste Golfclub für Frauen, seine Heimat. Das Clubhaus, von dem die rund 200 – ausschließlich weiblichen Mitglieder – als „die Hütte“ sprechen, ist ein kleines Häuschen, in dem sich die – meist ziemlich alten Damen – ab und an auf einen Keks und einen Tee treffen, wenn eines ihrer zahlreichen Turniere stattgefunden hat.
Die Himalayas, dieser Putting-Kurs mit insgesamt 27 Spielbahnen, gehört allein ihnen. In gewisser Weise wurden die Frauen Ende des 19. Jahrhunderts auf dieses Fleckchen Grün verbannt, weil die lokalen Caddies nicht mehr akzeptieren wollten, dass ihnen die Ehefrauen und Töchter der Mitglieder des noblen Royal & Ancient Golf Clubs of St. Andrews den Platz auf dem Putting-Grün vor dem Clubhaus nahmen. Man konnte die Damen überreden, sich ein eigenes Gelände zu suchen und Altmeister Tom Morris, der auch für das heutige Erscheinungsbild weiter Teile des Old Course verantwortlich ist, plante den Damen ihren Platz – die Himalayas.

Das Auf-und-Ab an Golflöchern ist ein Erfolgsmodell. Warteschlangen reihen sich an schönen Sommertagen vor der kleinen Kasse der Clubhaus-Hütte auf, bevor der Club um vier Uhr seine Bahnen für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Drei Pfund kostet der Spaß für einen Erwachsenen – und nein, man möchte den Preis nicht erhöhen, weil es sonst den Familien vielleicht zu teuer wird und sie nicht mehr kommen, wie die derzeitige Präsidentin Margaret Philipps gedankenvoll anmerkt. Drei Jahre ist die Dame insgesamt im Amt, in einem Club, von dem die Einwohner St. Andrews sagen, er sei eindeutig der zweitwichtigste der Stadt, nach dem R&A natürlich. Und nein, um Gottes willen, man kann sich nicht um die Aufnahme bewerben. Mitglieder werden hinzugebeten, um sich dann in der Folge eines der wirklich einmaligen Golfturniere auszusuchen. Ein Jahres-Matchplay-Putting-Turnier ohne Anrechnung des Handicaps zum Beispiel. Wobei man erläuternd hinzufügen sollte, dass dieses – weltweit einmalige – Handicap-Bemühungen auf die Rechenkünste eines männlichen Mitarbeiters der örtlichen Universität zurückzuführen ist, der es extra für die Damen ausklügelte.
Gewinnt man eines der Turniere, kann man auf einen der wirklich wertvollen Preise hoffen, die oftmals mit wertvollen Steinen besetzt sind. Die Sache ist nur: Der Preis gehört der stolzen Siegerin nur ein paar Minuten, dann wird ein Photo gemacht und die historische Trophäe wandert 500 Meter Luftlinie entfernt wieder ins Golf-Museum hinter dem Clubhaus des R&A am ersten Grün des Old Course.

All’ die öffentlichen Diskussionen um die Gleichstellung von Mitgliedern, die beim Royal & Ancient Golf Club of St. Andrews, eigentlich ein Herrenclub, dazu geführt haben, dass man nun auch Frauen als ordentliche Mitglieder zulässt, sind bei den Damen des Putting Clubs übrigens deutlich leiser geführt wurden. Auch der St. Andrews Ladies’ Putting Club war ja von den Bestimmungen des britischen Gleichheitsgesetzes betroffen. Die Tatsache, dass Männer im Putting-Club nicht als volle Mitglieder sondern nur als „associate members“ zugelassen waren, ließ sich nicht halten. 2010 hat man sich an das Gesetz angepasst – jetzt sind eben nur noch Frauen im Putting Club.
All’ der Historie und den Schrulligkeiten zum Trotz sind die Damen und ihr einmaliges Putting-Gelände zweifellos ein öffentlichkeitswirksamer Renner. Die anderen örtlichen Golf-Clubs treten alljährlich zu einem Match gegen das Team des Damen-Clubs an, Kinder treffen sich hier abends für eine schnelle Runde und Familien gönnen sich mit Baby im Kinderwagen und Rucksack am Rücken eine nette Nachmittagsrunde. Rund 60.000 Putt-Runden werden hier alljährlich absolviert – eine Rundenzahl, von der so mancher deutsche Golfclub nur träumen kann. Und das, obwohl nicht täglich und in der Regel nur nachmittags geöffnet ist.

Am Ende eines Tages werden die Flaggen aus den Löchern entfernt und unerlaubte Fußgänger schnell vom Gelände verscheucht. Dann liegen die Himalayas still am Rande des Old Course. Eine seltsame Anhäufung von Wellen und Hügeln, irgendwie verworren und schwer zu bezwingen – wie ein Mini-Everest.

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