Mit Zen durch die Krise

9_Loch_shutterstock_121238074_16x9

9 oder 18 Löcher? Alles eine Frage des Charakters und des Stehvermögens.

Von Mercedes Lauenstein

Ein Schwur, den ich zu Beginn meiner Golfkarriere leistete, lautete: nie mehr 18 Löcher. Neun Löcher, fand ich, waren genug. Ein heiliger, dreifacher Dreiklang – drei zum Warmwerden, drei im Flow, drei zum Ausklingen.

Die wenigen Male, die ich mich an den klassischen 18 versuchte, waren ermüdend. Egal, wie euphorisch ich während der ersten neun Löchern noch gewesen war, auf den zweiten Neun war es vorbei mit meiner Golf-Lust. Ich weiß nicht, ob die Henne (keine Lust mehr) zuerst da war, oder das Ei (rapide Spielverschlechterung weil Muskelermüdung), aber Fakt war: Ab Loch 11 begann zuverlässig das Verderben. Über das 18. Fairway lief ich nicht mehr als die aufgerichtete Golferin, die ich auf den ersten Neun noch gewesen war, sondern als geprügelter Hund. Ausgelaugt, entmutigt, den Tränen nah. Bereit, mein Bag in den nächsten Teich zu werfen und es nie wieder herauszufischen.

Aber war ja in Ordnung, beschloss ich. Spielte ich halt nur noch Neun. Ein wenig schämte ich mich trotzdem für mein mangelhaftes Durchhaltevermögen. War ich damit nicht ein Klischee, das perfekte Beispiel für meine ADHS-kranke Generation?

Doch mit der Zeit traf ich Golfspieler, denen es ähnlich ging, obwohl sie mit bestem Willen nicht zu meiner Generation zählten. Ein Italiener sagte mir: “Mehr als neun Löcher? Nie! Un Fastidio”, eine Belästigung. Na dann, sagte ich mir, hat es mit meiner Generation vielleicht doch weniger zu tun und ist mehr eine Charakterfrage. Entweder man gehört zur Kategorie “Live fast, die young” oder zur Kategorie “Live slow, die old”.

“Live fast, die Young”-Fluchs”

Da ich allerdings nicht allein auf der Welt bin, lasse ich mich hin und wieder natürlich zu einer 18-Loch-Runde überreden. Von meinem sehr geduldigen Freund. Er wurde mit einem völlig anderen Lebenstempo als ich geboren. Nach dem neunten Loch wird er erst warm. Und ruft dann freudig aus: “Ha! Auf den letzten Neun gleiche ich jetzt alles aus, was ich auf den ersten versaut habe!” Er schafft es meistens. Ich freue mich sehr für ihn. Und deute es als gutes Omen. Ich glaube, er wird sehr alt werden. Und nicht nur das. Wenn meine Charakter-Theorie wirklich stimmt, liegen seine besten Tage noch vor ihm. Was nicht nur  bedeuten würde, dass meine bereits hinter mir liegen, sondern dass ich seine vielleicht nicht mehr miterleben werde. Furchtbar. Ich möchte alt werden. Mit ihm an meiner Seite.

Wie entledigt man sich nun des “Live fast, die Young”-Fluchs”? Indem man sich in Durchhaltevermögen, innerer Ruhe und Geduld schult. Dafür geht man entweder ins Bootcamp oder man wendet sich fernöstlichen Philosophien zu. Ich entschied mich für Letzteres und las kürzlich das Buch “Zen Golf” von Dr. Joe  Parent. Außerdem sah ich mir ein langes Gespräch zwischen ihm und Golf-Youtuber Erik Anders Lang an. Darin sagt Dr. Joe Parent etwas sehr Beruhigendes. Er erzählt Lang, es gebe auf dem Golfplatz Augusta National einen Teil der Runde, der sich “Amen Corner” nenne und die Löcher 11, 12 und 13 beinhalte. Durch diese Teile fließt der Rae’s Creek. Es sind die technisch schwersten Löcher des Platzes. Aber, so Parent, auch auf anderen Plätzen seien es immer die 11, 12 und 13, mit denen die Spieler am meisten zu kämpfen hätten. An diesem Punkt des Spiels würden nämlich die meisten Spieler müde, seien nicht mehr so fokussiert, müssten mal wieder einen Schluck Wasser zu sich nehmen und auch einen Snack. Dieser Snack stärke sie zwar, mache sie aber auch verdauungsmüde. Bei vielen dauere das Tief sogar bis Loch 15 an. Man werde panisch. Ungestüm. Realisiere: Was man jetzt versaut, kriegt man nicht mehr ausgeglichen. Man gerate aus dem Tempo. Begehe Fehler. Auch das wieder ein Beweis meiner Lebens-Theorie: Zwischen Loch 10 und Loch 15 durchlebt man die Midlife-Crisis der Runde.

Parent warnt, man müsse jetzt sehr wachsam sein. Tief durchatmen. Probeschwünge machen. An nichts anderes denken als ans aktuelle Loch. Nicht an vorhin, nicht an gleich, nur an jetzt. Diese Gedanken habe ich nun schon mehrmals mit auf meine 18-Loch-Runden genommen. Besser ist meine Performance in der Midlife-Crisis rein rechnerisch bisher nicht geworden. Wie ein geprügelter Hund ziehe ich am 18. Loch aber auch nicht mehr übers Fairway. Ich spiele einfach Ball für Ball und freue mich daran, die schöne Abendsonne erleben zu dürfen. Und daran, auf diese Weise immerhin mit meinem Freund alt werden zu können. Auch schon ziemlich Zen, wie ich finde. Das nächste Mal dann wieder neun.

Teilen:Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Print this page