Myrtle Beach: Annäherung mit Alligator

Alligator-16×9-Teaser

Keine 30000 Einwohner, aber mehr als 100 Golfplätze. Dieses Paradies gibt es wirklich: In Myrtle Beach.

Es gibt Schläge, die man lieber nicht selber machen möchte. Solche, bei denen einem die Bunkerkante über die Stirn reicht oder solche, die einen Quick-Hook um einen dicken Baumstamm erfordern. Und dann gibt es eben diese Schläge, bei denen das eigene Leben in Gefahr ist. Zum Beispiel dann, wenn man gerade zwei Meter neben einem vier Meter langen Alligator liegt und das Regelwerk leider keinen Mulligan vorsieht.

Der Tidewater GC. Foto: Tim Wessling

So etwas kann einem hier passieren. Denn in Myrtle Beach im sonnigen South Carolina lebt in jedem See mindestens ein Urzeitwesen mit sehr vielen Zähnen. Und während ein solches den Titleist 3 verteidift, sitzt Chris King grinsend im Golf-Cart auf der 14. des „The Dunes“ Kurses und sagt lapidar: „It’s wether you dare to or not“: Entweder Du traust dich, oder nicht. Denn obwohl hier seit fast 100 Jahren neben großen hungrigen Mäulern gegolft wird, gibt es keine speziellen Platzregeln, die den Umgang zwischen Golfern und Alligatoren in irgendeiner Form regeln. Beruhigende Statistik vorneweg: Es wurde noch kein Golfer gefressen.

Nein, in Myrtle Beach ist nicht alles lebensgefährlich. Denn die Alligatoren verschwinden in der Regel, wenn man mit dem Golf-Cart auf sie zu rauscht und auch die Menschen sind hier äußerst umgänglich. Auch wenn an manchen Hauseingängen unter einem stilisierten Revolver der Satz „We don’t dial 911“ steht und den potentiellen Einbrecher so darüber aufklärt, dass Waffenbesitzer hier zuerst schießen und erst im Anschluss Fragen stellen. Amis bellen gerne, beißen aber nicht. Ist man harmloser Tourist, hat man nichts zu befürchten. Vor allem, wenn man Golf spielt.

MYRTLE „ELDORADO“ BEACH

Der Unterschied zwischen Golf und Gold ist nur ein Buchstabe. Und was für die eine Randgruppe das geheimnisvolle Eldorado ist, könnte für die andere Myrtle Beach in South Carolina sein. Über eine Million Golftouristen kommen jedes Jahr hier her. Die meisten natürlich aus den USA, viele aus Kanada – doch Myrtle Beach wird bei Europäern immer beliebter. Beliebter für solche Golfurlauber, die in Spanien, der Türkei und Schottland fast alle Plätze abgespielt haben und jetzt den nächsten Schritt wagen wollen.

Sein Golfgepäck in einen Langstrecken-Flieger zu laden erfordert allerdings ein wenig Überwindung. Die Frage ist also: Lohnt sich die Tour über den großen Teich? Die Antwort: Ja. Sehr.

Ein paar Zahlen: 27000 Einwohner hat Myrtle Beach offiziell. Innerhalb einer Auto-Stunde befinden sich hier aber mehr als 100 Golfplätze. Insgesamt also mehr als 460 Kilometer Fairway. Oder rein rechnerisch ein Loch für jeweils 15 Einwohner. Von so einer Quote kann selbst Schottland nur träumen.

Per Gondel über den Fluss zum Golf spielen. Foto: Tim Wessling

Menschen wie Chris King, die liebend gerne Gästen bei ihrer ersten Alligator-Begegnung belächeln, sind Teil einer gigantischen Infrastruktur, die sich hier rund um den Golfsport gebildet hat. King arbeitet für den Dachverband des Golftourismus vor Ort: Myrtle Beach Golf Holiday. Ihm länger als 20 Minuten zuzuhören bedeutet zu verstehen, dass es hier wenig Dinge gibt, die sich nicht im weitesten Sinne um Golf drehen.

Das fängt bei unzähligen Minigolfplätzen auf dem Weg vom Flughafen an, zieht sich über den gigantischen PGA Superstore und endet bei den mehr als kunstvoll verzierten Golf-Carts der Einheimischen, mit denen diese so ziemlich alles erledigen – also auch den Weg zum wöchentlichen Einkauf in der Mall. Und ja, so etwas ist selten im Spritschleuder-verliebten Amerika.

Myrtle Beach von Oben

ENTSPANNUNGS-EFFIZIENZ

Die Lebensqualität ist hoch an der Ostküste der Vereinigten Staaten und das Klima hier schlicht perfekt. Während es im südlicheren Florida bei aller Schwüle gelegentlich schwer zu atmen ist und in den nördlicheren Staaten im Winter bitterkalt werden kann, hat South Carolina genau den Breitengrad abbekommen auf dem es sich das ganze Jahr über wunderbar aushalten lässt. Denn auch im Winter fällt das Thermometer hier nicht unter 15 Grad. Gut, hin und wieder fegt ein Hurrikan über die nicht sonderlich solide gebauten Strandhäuser. Geschenkt.

Golf Urlaub in Myrtle Beach bedeutet Entspannungs-Effizienz. Der Ort lebt vom Tourismus. Die Konkurrenz bei Theatern, Restaurants und Golfplätzen ist hoch, die Preise dadurch außerordentlich niedrig. Der Preis des Transatlantikfluges hat sich hier schnell weggespart. Und der Ort zwingt keinen seiner Besucher zum Geld ausgeben – wer Preis-Leistung möchte bekommt sie und wer ordentlich Dollar verbrennen möchte, kann auch das tun. Auf dem „The Dunes“ Kurs zum Beispiel.

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Ein Greenfee von 190 Euro mag für den Platz happig erscheinen, ist das Geld aber die vollen 18 Löcher wert. Denn abgesehen von Alligatoren bekommt man dafür einen Parkland-Kurs, der erschreckend gut den Augusta Look imitiert: Schneeweiße Bunker, blühende Azaleen und uralter Baumbestand. Wer hier auf der 9 seinen Abschlag nach rechts socketiert, hat sogar die Chance ein Loch in die Wasserrutsche der Erben von Hooters Gründer Robert H. Brooks zu kloppen, der seinen Lebensabend wie tausende anderer Amerikaner in einer Golfplatz-Villa in Myrtle Beach verbrachte.

MRS. BURROUGHS WAR DIE ERSTE

Der größte Pluspunkt von Myrtle Beach: Hier gibt es jedes nur erdenkliche Platz-Layout und ebenso jede Greenfee-Preisklasse: Bezahlbare Parkland-Kurse durch Sumpflandschaften im Landesinneren und fordernde, wie bildschöne Links-Plätze mit ordentlich Wind an der Küste. Genannt seien nur der einfache, aber interessante Grande Dunes GC, der aufregende Tidewater GC, der sich durch eine kleine Ortschaft schlängelt oder das Barefoot Resort, das gleich drei 18 Loch Plätze von großen Namen wie Greg Norman, Davis Love III, Tom Fazio und Pete Dye auffahren kann.

Wasser gibt es viel hier. Denn technisch gesehen ganz Myrtle Beach irgendwie an der Küste liegt. Denn der Intercoastal Kanal auf dem im zweiten Weltkrieg U-Boote in Richtung Atlantik schipperten, trennt die Stadt in der Mitte. Manche Clubs mussten da erfinderisch sein. In den Waterway Hills Golf Club kommt man daher nur mit einer Seilbahn: Die Bags werden für die Fahrt über den Kanal in seitliche Halterungen geklemmt. Alpine Technik am Strand.

Apropos Strand: Myrtle Beach ist nicht nach einer Dame Namens Myrtle benannt. Als hier 1901 das erste Hotel entstand, suchte Besitzerin Mrs. Burroughs einen Namen für die darum entstandene Siedlung. Jeden Tag ging sie auf dem Weg zum Strand an tausenden von Myrtengewächsen vorbei: Myrtle Beach war geboren. Mrs. Burroughs war leider keine Golferin. Und so dauerte es noch 26 Jahre, bis 1927, bis der Pine Lakes Country Club seine Fairways öffnete. Der Startschuss für hunderte andere Kurse, die Myrtle Beach zu dem Golf Paradies machen, welches es heute ist.

SPIELEN

Barefoot Resort
www.barefootgolf.de
Gleich drei Plätze, designed von den Größen Greg Norman, Davis Love III, Tom Fazio und Pete Dye warten hier. Alle schlängeln sich durch eine Sumpflandschaft am Intercoastal Kanal.

Glen Dornoch Waterway Golf Links
www.glensgolfgroup.com
Hier sieht jedes Loch so aus, als hätte es die Natur und kein Mensch erdacht. Highlight ist die 18, welche als eines der schwierigsten Finishing-Löcher der Welt gilt.

Rivers Edge Golf Club
www.riversedge-nc.com
Viel Wasser und Ausblicke auf weite Graslandschaften: Arnold Palmer hat hier ein Meisterwerk am Shallotte River geschaffen.

Grande Dunes
www.grandedunes.com
Breite Fairways entlang des Intercoastal Kanals: Ein echter Urlaubs-Platz zum entspannen – es sei denn, Sie spielen gegen den Wind.

The Dunes Golf and Beach Club
www.thedunesclub.net
Ein absolutes Muss bei jedem Besuch. Der Parkland-Kurs bietet mit schneeweißen Bunkern und Azaleen echtes Augusta-Feeling.

Tidewater Golf Club
Man nennt ihn „Pebble Beach von Myrtle Beach“ und der Tidewater GC hat tatsächlich spektakuläre Löcher die sich durch ein kleines Dorf und Sümpfe schlängeln.

Caledonia Golf and Fish Club
www.fishclub.com/caledonia
Früher eine Reis-Plantage und heute ein landesweit bekannter Par 70 Platz – vor allem wegen der erstaunlichen Schönheit.

Pawleys Plantation Golf and Country Club
www.pawleysplantation.com
Jack Nicklaus erfüllte sich hier einen Traum: Einen Platz bauen, der so wenig wie möglich an der Natur verändert. Das Ergebnis: 18 Löcher mit 18 verschiedenen Strategien.

WEITERE INFOS: 

www.myrtlebeachgolfholiday.com

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