Osterspaziergang nach dem Golf-Fasten

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Mit jugendlich leuchtendem Gesicht zog der Mann seinen Driver aus dem Bag, bückte sich, anscheinend ganz ohne jede Mühe, schob das Tee mit dem Ball in den weichen (endlich wirklich aufgetaut weichen!) Boden des ersten Abschlages, richtete sich auf, blinzelte in die noch tief stehende Frühlingssonne und … – nein, kein Probeschwung diesmal, eine kleine Rede zu Saisonbeginn offenbar, eine Deklamation mit feierlicher Stimme: Vom Eise befreit sind Fairway und Bunker durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück. Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in rauhe Berge zurück.

Dann atmete der Mann, mit dem ich am liebsten Golf spiele, tief ein und wieder aus, konzentrierte sich nur kurz, drehte sich hoffnungsglücklich auf, als hätte es nicht diese ekelhaften Knieschmerzen gegeben den ganzen alten Winter über und … peitschte unaufwändig lässig einen Abschlag raus: Schnurgerade flog der Ball über die grünende Flur, kullerte noch die paar Meter Richtung Buche in den Winkel des Doglegs genau auf die Stelle, die eigentlich immer ich mir vornehme und visualisiere, weil es von dort nur noch ein saftiges Neuner-Eisen ist aufs Grün. Ich legte haushohe Bewunderung in meine schönste Bühnenstimme und rief: Von dorther sendet er, fliehend, nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises in Streifen über die grünende Flur.
Und er, während er hinter mir her stapfte zum Damenabschlag, murmelte: Aber die Sonne duldet kein Weißes. Überall regt sich Bildung und Streben, alles will sie mit Farbe beleben. Doch an Blumen fehlts im Revier. Sie nimmt … geputzte Menschen dafür.
Weil ich dann leider über die stilistische Fragwürdigkeit meines pipilangstrumpfhaft geputzten Frühlings-Pullovers nachdenken musste – rot-magenta-apfelgrün-blau-lila-rosa geringelt -, verfehlte mein Abschlag die Idealstelle um etwa 20 Meter nach rechts ins Semi-Rough, wie eigentlich immer …

Explosion der Gefühle

Trotzdem gelang der eine saftige Schlag mit dem Neuner-Eisen auf das Grün, noch nicht perfekt zum Einlochen, aber perfekt für zwei Putts. Herrlich. Und plötzlich war auf diesem Golfplatz das pure Glück: Blauer Himmel, weiße Wölkchen, erste Blüten, Schnee noch auf den Bergen, keine Spur von Winter-Schimmel auf den Greens, zweimal Par, Licht, Luft, Wärme, Frühling, Einatmen, Ausatmen, Zusammensein. Eine Explosion von Gefühlen, die große Überflutung mit Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, Endorphinen, Oxytocin und wie sie alle heißen.

Klar, denke ich beim Golfspielen auch normalerweise manchmal daran, was für ein Geschenk die Natur ist, wie grün, saftig, frisch und blühend, aber eben vor allem auch heimtückisch: Bäume stehen ja praktisch immer im Weg. Teiche fordern heraus zu Selbstüberschätzung und Katastrophe. Bunkerbewachte, ondulierte Schräglagen der Grüns sehen zwar echt gut aus, können aber genau den einen Schlag zu viel kosten, solche Sachen.

Striktes Golf-Fasten im Winter funktioniert dann offenbar wie Reichstagsverhüllung: Wer nach ewigen, dunklen, golffreien Monaten zum ersten Mal wieder rausgeht, den trifft die Natur, als hätten die Götter Augen und Nerven wieder kindlich blank geputzt: Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, – die nun folgenden Zeilen habe ich, ehrlich gesagt, heimlich gegoogelt unterwegs auf der Fünf – denn sie sind selber auferstanden. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus Handwerks- und Gewerbesbanden, aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht.

Kalter Golf-Entzug im Winter

Golf-Fasten ist schwer, der Flugscham nachgeben und gar nicht wegfliegen im Winter, kein Neuseeland, kein Südafrika, nicht einmal Gomera. Kein unversteuertes Kerosin in die Atmosphäre feuern, den Planeten schonen, den Geldbeutel und die Zeit auch. Kalter Entzug. Stattdessen Schnee vom Dach schaufeln in Oberbayern. Monatelang in den grauen November starren in Berlin. Die Putting-Matte vorm Schreibtisch. IP-Adresse und Länderkennung mit VPN tarnen und via Zen Mate oder Hola auf die Live-Streams der großen Golfturniere zugreifen. Anwachsende Golfsehnsucht. Einmal, als es ganz schlimm geworden war in diesem Winter, bin ich sogar in die Halle, Bälle ins Netz schlagen vor dem Computer. Außer der Geschwindigkeit des Schlägerkopfes zeigt der auch an, wie weit der Ball mit welcher Abweichung von der Ideallinie wohin geflogen wäre. Das ist aber auch kein wirklicher Ersatz.

Um so intensiver dann die Belohnung. Als unsere letzten Putts an jenem Ostersonntag in den Becher klockten, hörten wir schon des Dorfes Getümmel, – ewig entbehrte fröhliche Stimmen, Lachen, Prost-Rufe und Geschirrklappern von der Club-Terrasse. Und der Mann, mit dem ich am liebsten Golf spiele, wusste natürlich auch den Schluss noch auswendig: Hier ist des Volkes wahrer Himmel. Zufrieden jauchzet groß und klein. Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

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