RollsVoice: Halleluja

U.S. Open – Round Three

Warum uns die Rückkehr des Tiger Woods so berührt.

Von Evelyn Roll

Was für eine Gänsehaut-Geschichte! Was für eine grandiose Selbstrettung! Ein Sieg aus Willenskraft und Gerechtigkeit über den Schmerz und den Schmutz! Der Tiger, an den im letzten Jahr außer mir und Joe LaCava niemand mehr geglaubt hat, ist zurück. In alter Perfektion und makelloser Schönheit gewinnt er sein 15. Major in  Augusta. Und seit jenem Tag im April in Augusta sind plötzlich wieder alle auf den Knien ihrer Herzen. Jetzt ist er ihr Golf-Gott, auferstanden von den Toten. Jetzt beten sie ihn an und trauen ihm alles zu: Natürlich wird er Sam Sneads Rekord von 82 PGATour-Siegen knacken. Und dann bestimmt auch die 18 Major- Siege des großen Jack Nicklaus.

Warum ist das so? Warum lächeln die Menschen und Golfspieler so weise, getröstet, wissend und beseelt wie nie zuvor, wenn sie zärtlich seinen Namen aussprechen: Der Tiger. Warum berührt uns diese Geschichte so tief?

Weil Tiger Woods’ Geschichte vom außerirdischen Aufstieg und tiefsten Fall samt grandioser Rückkehr aus der Unterwelt weit über Golf hinausweist. Weil sie in ihrer anthroposophischen und mystischen Dimension mit Golf gar nichts mehr zu tun hat. Alle großen Menschheitserzählungen handeln von so etwas: Siegfried, Achill, Samson, Odysseus, Jesus. Immer müssen unsere Götter, Helden und Märchenfiguren über sieben Brücken und durch die Hölle gehen, schwerste Prüfungen überstehen, Drachen besiegen und wieder aufstehen, nachdem sie gesteinigt und für tot erklärt worden sind. Der tiefe, schmutzige und hohnbelachte Absturz  eines Golf-Gotts in die Finsternis von Schmerzen, Nichtigkeit und Tablettensucht plus Wiederaufstieg zum Licht, zur Gerechtigkeit und Schönheit spiegelt die Metamorphose aller Menschheits-Märchen, an denen sich unsere kleinen Seelen und Fantasien aus- und aufrichten: der Mythos des Comebacks von den Toten.

Wie einsam, verlassen, verhöhnt und beschämt stand er da, etikettiert als Sexsüchtiger und Versager, von einfachen Polizisten behandelt, wie man jeden hilflos im Auto aufgefundenen Menschen in Amerika offenbar behandeln darf, wenn er nicht weiß ist. Ein Weniger-als-nichts-mehr für die Öffentlichkeit, vielleicht sogar vor sich selber, und, was wahrscheinlich am Schlimmsten für ihn gewesen sein muss, auch in den Augen der eigenen Kinder: ein erbärmlicher Schmerzensmann und Junkie, der früher mal ein ganz großer Golfspieler gewesen ist. Nobody want’s you when you’re down and out.

Alle Zutaten für ein Heldenepos

Die Geschichte des Tiger Woods hatte ja von Anfang an schon alle Zutaten, die ein großes Heldenepos braucht. Das Anders sein, das Eigentlichnichtdazugehören zum Sport der reichen, weißen Männer. Die erbarmungslose Projektion und Überforderung eines neurotischen, in Vietnam traumatisierten MeinKampf-Vaters. Der Aufstieg in den höchsten Golfhimmel. Der Abstieg in die finsterste Schmerzenunterwelt. Das Halleluja und das Kreuzigt ihn. Triumph und Reichtum. Schmutz, Scham und Schuld. Wiederauferstanden durch Willenskraft, Fleiß, Gerechtigkeit und göttliche Fügung. Sogar den einen getreuen Heinrich, den so eine Märchenerzählung braucht, gab es: Tiger Woods’ Caddie Joe LaCava. 2017 hatte Woods ihm empfohlen, zu einem anderen Spieler zu wechseln, weil es sein könne, dass er mit  diesem Rücken nie wieder Golf spielen würde. Joe LaCava blieb, symbolisierte nach außen die Treue und Loyalität, den Glauben, die Hoffnung und die Freundschaft, die es natürlich auch von einigen anderen gab in der Elendszeit.

Und die, die ihn so erbärmlich vorgeführt und verlacht haben? Die Polizisten, die das elende Foto veröffentlichten? Die Sport- und Boulevardjournalisten, die es gedruckt haben und denen vor hämischem Geifer schon fast die Vokabeln ausgingen? Mag sein, dass sie sich alle jetzt ein wenig schämen. Kein Vergleich aber kann das sein zu der Scham, die sie ihm zugefügt haben.

Das US-Masters im April war der 15. Major-Sieg des Tigers. Es fehlen also nur noch drei zum Gleichstand mit dem großen Jack Nicklaus. Und jenseits der Märchenerzählung kommt es darauf eigentlich auch gar nicht mehr an: 1,5 Milliarden Dollar hat Tiger Woods mit Golf verdient, statistisch macht er 200.000 Dollar mit jedem Golfschlag, den er überhaupt ausführt. Die Kinder sind auf seiner Seite, auch seine Mutter. Und Erica Herman, die neue  Lebensgefährtin, scheint eine liebevolle, vernunftbegabte Frau zu sein. Sein Blick aber aus diesen dunkelbraunen Tiger-Augen ist verwundet wie eh und je und so müde geworden, dass er nichts mehr hält.

Das Leben des Tigers. Selbstverständlich hätte ich mich längst um die Filmrechte beworben, wenn ich sehr, sehr viel Geld hätte. Noch lieber aber würde ich das Drehbuch schreiben.

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