Sag mir, warum?

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Wieso entscheidet sich jemand eigentlich ausgerechnet für den Golfsport? Die Antworten sind vielfältig – und manchmal sagenhaft schön.

Text: Mercedes Lauenstein

Golf: Warum? Warum nicht segeln, radfahren, angeln? Ich werde das Gefühl nicht los, dass eine außergewöhnliche Geschichte dahinter steckt, wenn jemand sich eines schönen Tages auf diese Sportart einlässt. Es hat sich deshalb zu einer Obsession von mir entwickelt, jeden, mit dem ich eine Runde spiele, zu fragen, wie er oder sie zum Golfspielen gekommen ist. Und das Schöne an dieser Frage ist nicht nur, dass dabei beinahe jedes Mal eine gute Golf-Geschichte herauskommt. Sondern ganz nebenbei oft noch eine halbe Lebens- Familien- oder Liebesgeschichte.
Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die des spanischen Golf-Pros, der mir erzählte, er habe als Kind so gut gemalt, dass seine Kunstlehrerin aus der Schule seine Eltern zu sich bestellte und ihnen empfahl, den Jungen auch abseits der Schule durch privaten Mal- und Zeichenunterricht zu fördern. Doch die Familie war arm und konnte sich das nicht leisten. Trotzdem suchten sie eine Zeichenlehrerin auf und fragten, ob es nicht auch eine andere Möglichkeit gäbe, für die Stunden zu bezahlen. Ja, sagte die ältere Dame, der Junge könne sie gelegentlich als Caddy über den Golfplatz begleiten. Und da die alte Dame oft nach drei, vier Löchern schon keine Lust mehr hatte selbst den Schläger zu schwingen, ließ sie den Jungen an ihrer Stelle abschlagen. So wurde aus ihm nach und nach nicht nur ein sehr guter Maler, sondern auch ein exzellenter Golfspieler. Und schließlich der Pro, als der er heute den Lebensunterhalt für seine kleine Familie verdient. Malen kann er nur noch nachts.
In Niederbayern traf ich einmal eine unterhaltsame, abgebrühte ältere Dame, die mit zwei behandschuhten Händen spielte („Ich kann gebräunte Hände einfach nicht ertragen und eine einzige erst recht nicht“) und fortwährend mit ihrem Ball sprach („Was machst du denn dahinten du kleiner Dummkopf, an deiner Stelle wär ich aber mal in die andere Richtung gerollt!“). Mit Anfang 50 hatte es ihr die Entwicklung einiger privater Investitionen erlaubt ihren Job zu kündigen. Sie erwarb eine kleine Berghütte und ein Mountainbike und verbrachte ihre Zeit in der Einsamkeit der Berge. Partner oder Kinder hatte sie nicht. Eines Tages kannte sie jeden Gipfel, hatte das Biking und das ewige Alleinsein satt und marschierte kurzentschlossen ins Tal zum örtlichen Golfclub. Ihr gefiel, dass die Menschen dort keine grelle Sportkleidung trugen wie bei anderen Sportarten und man mit anderen spielen konnte, aber nicht musste. Ohne zu zögern und ohne jemals zuvor einen Schläger in der Hand gehalten zu haben, schloss sie eine Vollmitgliedschaft ab. Spazierte in den Pro-Shop, kaufte eine Ausrüstung, suchte den Pro auf und sagte: Nun bringen Sie mir bitte dieses Spiel bei.

Auf einem norditalienischen Golfplatz befand sich in meinem Turnierflight eine Mutter, die nur durch ihre kleine Tochter zum Golfspiel gekommen war. Die hatte beim Spielen im Park einen Golfball gefunden und wollte unbedingt wissen, wie das dazugehörige Spiel aussah. Die Mutter fuhr mit ihr auf einen Golfplatz, die Tochter ging zum Schnuppertraining und wollte nicht mehr aufhören. Irgendwann fing auch die Mutter an zu spielen. Und schließlich der Vater. Während des Turniers begegneten wir seinem Flight. Die beiden liefen eilig aufeinander zu, küssten sich verstohlen, fragten einander wie es lief, dann kehrten beide in ihre Flights zurück. Ich fragte, wieso sie nicht zusammenspielten. „Bist du verrückt? Da zerstreiten wir uns und sprechen tagelang nicht mehr miteinander“, sagte sie. Vor Wutausbrüchen ob versauter Scores schütze sie beide nur das Spielen mit Fremden, vor denen man aus Höflichkeit ein Mindestmaß an Haltung bewahre.

Mit Wutausbrüchen auf dem Golfplatz kannte sich auch Roberto aus, ebenfalls Italiener und ein hagerer, tiefbraungebrannter Typ, der an jedem Loch so viele Kippen rauchte, wie er Schläge brauchte. Er konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, wann und wieso er zum allererstem Mal Golf gespielt hatte. Viel entscheidender sei ohnehin, erklärte er, dass er schon unzählige Male aus Frust wieder aufgehört habe. Was hat ihn jedes Mal zurückgebracht? „Ich weiß es ja selbst nicht“, sagte er. „Ich träume nachts davon, wie schön der Ball fliegt. Und dann komme ich zurück.“

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