Volles Risiko

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Lässt sich mit einer Golfanlage heute überhaupt noch Geld verdienen? Und wenn ja, wie? Eine Spurensuche.

Von Frieder Pfeiffer

Horst Wintrich seufzt. “Ja, das ist nicht so einfach”, sagt er. Mit einer Golfanlage richtig Geld verdienen? Nein, das gehe eigentlich nicht. Mit seinem Sohn Andreas hat Wintrich 2010 den Golfpark Weiherhof in Nunkirchen im Saarland als 9-Loch-Anlage erworben. Wie er den Golfplatz damals selbst bewertete, ist mit ausbaufähig noch nett beschrieben. Heute umfasst der Golfpark 27 Bahnen, die Mitgliederzahl stieg in sechs Jahren von 250 auf 700. Von außen betrachtet, ist es eine Erfolgsgeschichte. Doch wenn nun selbst ein Investor wie Wintrich von den großen Schwierigkeiten erzählt, was müssen dann erst die sagen, denen es deutlich schlechter geht?

Die Zeiten des Golfbooms sind lange vorbei. Doch die Golfanlagen, die in der Boomzeit aus dem Boden wuchsen, gibt es weiter. Der Kampf um die Golfer tobt seit Jahren, die Bindung an den einen Club lässt deutlich nach,
die Zeit der Wartelisten ist lange vorbei. “Der Kuchen hat eine gewisse Größe. Da muss man schauen, dass man sich was abschneidet”, sagt Wintrich. “Der Golfmarkt hat sich vom Verkäufermarkt zum Käufermarkt gewandelt”, sagt Reinhard Koss, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für die Wirtschaftlichkeitsbewertung von Golfanlagen.

Horst Wintrich will nicht verraten, was er genau in seinen Golfpark investiert hat. Was er aber sagt: “Ab tausend Mitgliedern wird Geld verdient.” Ähnliche Zahlen brachten Analysen des Deutschen Golf Verbands hervor, der in seinem Betriebsvergleich die Golfplatzbetreiber befragte. Auch in Wintrichs Fall sieht das nach Zuschussgeschäft aus. Doch sparen ist mit ihm nicht drin. “Qualität ist oberstes Gebot”, sagt Wintrich und Koss pflichtet bei: “Viele Golfanlagen haben reagiert und die Qualität verbessert.”

“Eine Goldgrube wird ein Golfplatz nie sein”

Investitionen in Qualität – so stellt sich auch der Eigentümer der Golfanlage in Fleesensee den Widrigkeiten entgegen. Die Immobilienagentur 12.18. arbeitet seit einigen Jahren nach eigenen Angaben an der “Revitalisierung” des Hotel & Sportresorts Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern, zu dem auch fünf Golfplätze gehören. Die  Investitionen in das Anlagevermögen belaufen sich auf mehrere Millionen Euro in den vergangenen vier Jahren. 12.18. beschäftigt 50 Mitarbeiter und zwölf Pros und Azubis. Ein Riesenschiff, das gesteuert werden muss, und  eines, das nach Angaben von Kai Richter, einem von zwei geschäftsführenden Gesellschaftern, bei der Übernahme deutlich in Schieflage geraten war, wie er es ausdrückt. “Viel Aufbauarbeit” sei in den vergangenen fünf Jahren nötig gewesen. Der Grund: “Renovierungsstau”. Richter sagt: “Es gibt entweder Risiko oder Reduktion. Wir haben uns für Ersteres entschieden.”

Und wofür das alles, wenn die angefragten Anlagenbetreiber davon sprechen, dass sich der Golfsport eigentlich rückläufig entwickle? Warum kämpft Horst Wintrich (“Geld verdienen ist sehr schwer”) trotz der Analysen von Wirtschaftlichkeitsexperten wie Reinhard Koss: “Eine Goldgrube wird ein Golfplatz nie sein.”

Die Hoffnung ist da – und die Stimmung verbessert sich leicht. 37,3 Prozent der Golfanlagen schätzen laut DGVGolfbarometer ihre Lage als gut ein, insgesamt bewerten 92,4 Prozent die wirtschaftliche Situation ihrer Golfanlage als befriedigend oder gut. Auch der Index zur Mitgliederentwicklung ist erstmals seit drei Jahren wieder gestiegen.

Vom Sport zur Freizeitbeschäftigung

Wie lassen sich nun die Gefühle in Fakten umwandeln? “Bei einem 18-Loch-Platz ist die Frage, ob ich drei oder vier Greenkeeper beschäftige oder acht”, sagt Wintrich. “Wir haben acht.” Tendenz: So bleibt es. Fleesensee-Betreiber Richter hat 42 Greenkeeper auf dem Personalzettel. Auch er sieht kurzfristig keinen Handlungsspielraum. “Mit großem Abstand” sei Greenkeeping der größte Kostenposten, sagt Björn Becker. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der Golfanlagen Langer, die vier Golfkurse in

Süddeutschland betreibt. Auch er sieht kein Einsparpotenzial, das auf die Qualität gehe. Er hofft auf Chancen, die die technische Entwicklung mit sich bringt: „Autonome Fahrzeuge könnten vielleicht eine Möglichkeit bieten zur Einsparung“, sagt er. Andere denken ähnlich.

Doch für finanzielle Quantensprünge reicht das nicht. Und so geht der Trend auf deutschen Golfanlagen vielerorts weg vom traditionellen Modell. “Unser Schwerpunkt liegt auf Freizeitgolfern und Familien”, sagt Björn Becker. Kai Richter sieht das in Fleesensee ähnlich und denkt noch weiter: “Für uns geht es darum, neue Gästegruppen zu gewinnen. Das geht nur mit Menschen, die vorher nichts mit Golf zu tun hatten. Wir müssen ihnen eine neue Heimat geben.” Golf wird vom Sport zur Freizeitbeschäftigung.

“Die Etikette bei der Bekleidung ist nicht so streng”

1.960 Platzreifen wurden im Golf & Country Club Fleesensee allein 2018 abgenommen. “Es sind nur wenige Prozent, die eine große sportliche Herausforderung suchen.” Richter ist es wichtig, “Hemmschwellen abzubauen”. Er spricht von größeren Gruppen, die angelockt werden sollen, auch aus dem Ausland, über den nahen Flughafen in Rostock. Und: “Wir müssen sie motivieren, zurückzukommen und eine Community zu bilden. Wir gewinnen den Krieg auf einer solchen Anlage nicht mit einzelnen Greenfee-Spielern.” Die Gäste, die er sucht, wollen vor allem  eines: “Hier geht es um Spaß.”

Weil dieser im Vordergrund steht, werden die Anlagen zunehmend zu Fitnessprojekten mit erweitertem Angebot. Kai Richter betont, dass der Gast auch Fußballgolf spielen könne. Björn Becker verweist auf die Möglichkeit, dass auf allen Anlagen von Golfanlagen Langer Hunde erlaubt sind. Zudem gilt: “Die Etikette bei der Bekleidung ist nicht so streng”.

Bekleidung, Etikette: ein sensibles Thema im deutschen Golfsport – auch für Björn Becker. “Ja und nein”, antwortet er auf die Frage, ob der Golfer an sich ein etwas komplizierter Kunde sei. “Die Tücke liegt letztlich darin, den Ansprüchen eines einzelnen Golfers gerecht zu werden und dabei nicht das Allgemeinwohl für alle Golfer aus dem Auge zu verlieren. Das erfordert gelegentlich großes diplomatisches Geschick bei unserem Personal vor Ort.”

Standort der wichtigste Faktor

Daraus ergibt sich ein Trend zu mehr Flexibilität: einerseits in Bezug auf Mitgliedschaftsmodelle – “Einmalgebühren sind quasi tabu geworden, lange Vertragslaufzeiten auch”, sagt Becker –, aber eben auch bezüglich der lange Zeit dominierenden Fixierung auf 18-Loch-Runden. “Der Trend geht deutlich zum urbanen Golf, das heißt 9-Loch-Plätzen mitten in der Stadt”, sagt Wirtschaftlichkeitsexperte Koss. “Die Golfer üben heute meistens nicht nur eine, sondern mehrere Sportarten oder Hobbys aus, sodass das zeitliche Kontingent für Golf sinkt. Sie sind somit nicht mehr bereit, lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen und begnügen sich zunehmend mit neun Löchern.”

Damit trifft er einen Nerv. “Das große Geschäft ist das Betreiben einer Golfanlage nicht”, sagt Horst Wintrich, “es sei denn, sie sind in der Stadt.” Auch Björn Becker findet: “Standort ist der wichtigste Faktor.” Nur Tourismusanlagen wie in Fleesensee können die fehlende Stadt nähe durch Konzentration auf den entspannt urlaubenden (Neu-)Golfer wettmachen.

Björn Becker sagt: “Eine gute Idee ist meist eine gute Idee auf jedem Platz.” Qualität, Flexibilität und der Fokus auf den neuen Zieltypus Freizeitgolfer gilt derzeit als erfolgversprechendstes Modell im harten Kampf gegen Verluste im Golfplatzgeschäft. Doch bei aller Härte, ein Kampf gegen Windmühlen ist es nicht. „Ganz klar ja“, antwortet Reinhard Koss auf die Frage, ob man mit Golfanlagen noch Geld verdienen könne. Der GolfanlagenSachverständige stieß bei seinen teilweise geheim durchgeführten Tests auf einen Zusammenhang, der das  Mantra von der Qualitätssteigerung auf Golfanlagen bestätigt: “Die eigenen Erlebnisse spiegeln hinsichtlich Service und Pflegequalität signifikant die Betriebsergebnisse der getesteten Anlagen wider.” Kurz gesagt: Stimmen Platz und Personal, stimmen auch die Zahlen. Eine Aufgabe, die einfach klingt – aber harte Arbeit mit sich bringt.

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