Wildschönes Katalonien

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Wer sich viel bewegt, muss auch viel essen. Was also liegt näher als eine Golfreise ins wilde Hinterland der Costa Brava, das mehr Michelin-Stern-Restaurants beherbergt als jede andere Region der Welt? Doch Top-Golfplätze und Weltklasse-Essen sind längst nicht alles, was dieser Landstrich zu bieten hat

Costa brava, für wen das noch immer nach netten spanischen Küstenorten, hässlichen Hotels, Sangria-trinkenden Abiturienten und deutschsprachigen Kellnern klingt, hat viel nachzuholen. Die Costa brava, das ist vor allem ein Teil des geschichts- und kulturträchtigen Kataloniens – jenem so wunderschönen wie widerspenstigen Land mit eigener Sprache und riesigem Unabhängigkeitsbedürfnis. Und: Dieser Landstrich hat ein wildromantisches Hinterland, in das sich Küstenurlauber nur selten verirren und dabei einiges verpassen.

Selbst wer hier nur Natur und Erholung sucht und findet, kommt nicht umhin, nebenbei eine kleine Bildungsreise mitzumachen. Die Gegend ist berühmt für den großen Surrealisten Salvator Dalí – in seinem Geburtsort Figueres befindet sich die wichtigste Sammlung surrealistischer Kunst der Welt – für die Bilder Joan Mirós, die Häuser Antonì Gaudís und die sehnsüchtigen Romane der Schriftstellerin Mercè Rodoreda. Von hier stammen einige der besten Weine und Olivenöle der Welt und was in den lokalen Küchen passiert, prägt den globalen kulinarische Diskurs wie derzeit kaum eine zweite Region.

Natürlich: Hier ausschließlich zum Golfen anreisen, das ist möglich. Das PGA Catalunya Resort mit seinem weltberühmten Stadium Course ist Spaniens Golfplatz Nummer Eins und eine europäische Top-Golfdestination. Es liegt mitten in den sanften Hügeln der Costa Brava, nur wenige Autominuten entfernt von der Stadt Girona, die nicht selten als die attraktivere, weil weniger überlaufene kleine Schwester von Barcelona bezeichnet wird.
Das PGA-Resort ist gerade frisch renoviert, die neuen Hotelküchen exzellent. Man geht hier auch in Sachen Umweltbewusstsein neue Wege: es werden eigene Weinreben angepflanzt und im eigenen Revier Schildkrötennester gepflegt. Ein Biologe sorgt für die ökologische Korrektheit der gesamten Anlage, die Teiche auf dem Parcours dienen als Klärwasserfilter. Schon frühmorgens sieht hier alles aus wie im Film. Die aufgehende Sonne bringt den zwischen Zypressen, Pinien- und Korkeichen hängenden Morgennebel zum Glühen und lässt jeden einzelnen Grashalm der perfekt gepflegten Fairways glitzern. Im Hintergrund leuchten dazu die Bergspitzen der Pyrenäen. Nach der Morgenrunde dreht man eine Runde im Pool oder entspannt im Spa. Man kann hier Tennis spielen und Yoga machen oder sogar Ausritte zu Pferd unternehmen. Für Familien gibt es einen Kletterpark.

Wenn nur nicht drumherum noch soviel zu erleben wäre! An freien Nachmittagen lauern mehr als tausendundeine Möglichkeiten, die Stunden abseits des Platzes zu füllen. Mies-van-der-Rohe-Pavillon und wildes Nachtleben im mit dem neuen Schnellzug nur 37 Minuten entfernten Barcelona? Ja, auch. Aber das Gute liegt soviel näher. Mit den hoteleigenen Rädern kann man einfach drauflosfahren. Jahrhundertealte Vergangenheit und brisanteste Gegenwart flirren rund um Girona nur so um die Wette. Man entkommt den Geschichten und seltsamen Anekdoten dieses Landstriches nicht. Überall begegnen sie einem, auf den Wanderungen und Fahrradtouren durch die hügeligen Ausläufer der Pyrenäen, zwischen malerischen Weinreben und wilden Kräuterweiden. Alles und jeder flüstert einem hier die europäische Geschichte ein: romantische Flußtäler und bizarre Felsmassive, uralte Olivenhaine, verfallene Klöster und Burgen, Dörfer und Städtchen. Ja sogar die industriell verbauten Vorstadtringe der pittoresken Altstädte. Und nicht zuletzt die Menschen, die hier leben. Sie sind es, die „Catalonia is not spain“ an Mauern und Hausfassaden anbringen, sowie die unzähligen „Sì“-Plakate und Kataloniens inoffizielle Flagge aus den Fenstern hängen. Geklärt sind die seit einigen Jahren wieder neu aufgeflammten Konflikte um die geforderte Unabhängigkeit der Region noch lange nicht. Das Herz der patriotischen Katalanen ist tief anrührend in seiner Widersprüchlichkeit – einerseits begreift es sich als weltoffen und fortschrittlich und bejaht den Gemeinschaftsgedanken der EU, andererseits kultiviert es einen traditionalistischen Nationalismus, der anderswo für mittelschwere Befremdung sorgen würde. Wer sich hineindenkt, beginnt zu verstehen und stellt Fragen. Und schon ist man mitten im Dialog mit den Einheimischen, die gern erzählen. Und die gut erzählen. Erkenntnis: Es ist kompliziert. Und gleichzeitig, wie alles komplizierte, von prallem Leben und großer Experimentierfreude erfüllt.

Am unvergesslichsten, weil sinnlichsten, macht einem all das wohl die lokale Küche begreifbar. In ihr spiegeln sich althergebrachte iberische und katalanische Traditionen, die ihrerseits eine Mélange historischer Einflüsse der Phönizier, Griechen, Römer, Araber und Juden darstellen. Die wiederum sich heute mit der Neugier und Weltoffenheit junger Küchenchefs paaren, das heißt: mit Elementen aus Asien, Afrika und Amerika. Eine größere Häufung an Michelin-Stern-Restaurants pro Kopf gibt es sonst nirgends auf der Welt: 60 Lokale versammeln in Katalonien insgesamt 71 Michelin-Sterne.

Das wohl berühmteste unter ihnen ist das von den drei Roca-Brüdern betriebene und mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete „El Celler de Can Roca“ in Girona Stadt. Mehrmals wurde es bereits zum besten Restaurant der Welt gekürt und ist infolgedessen Monate, meist Jahre im Voraus ausgebucht. Wer dem Mythos lässig näherkommen will, geht mittags bei der Mutter der drei Brüder essen, sie unterhält seit Jahrzehnten das „Can Roca“, ihr eigenes Restaurant gleich um die Ecke des Ladens ihrer Söhne. Die Küche ist bodenständig, einfach und günstig. Einen Besuch wert ist auch der im Wes-Anderson-Stil eingerichtete Eisladen „Rocambolesc“ des im „El Cellar de Can Roca“ für Süßspeisen zuständigen Jordi Roca – dem jüngsten der drei Brüder. Jordi Roca ist es auch, dem zuletzt eine eigene Netflix-Folge der Serie „Chef’s Table: Pastry“ gewidmet wurde. Sie eignet gut zur Einstimmung auf Girona.

Wer sich nicht für lediglich ein oder zwei der vielen hier ansässigen Lokale entscheiden kann und innerhalb kürzester Zeit soviel wie möglich von Gironas Esskultur erleben möchte, dem sei eine der exzellenten Touren von Girona Food Tours empfohlen. Gegründet wurde das Unternehmen vor einigen Jahren von dem gebürtigen Holländer, aber seit Jahrzehnten überzeugten Katalanen Marco Gonkel. Viele Touren führt er selbst. Er kennt hier jedes Lokal und lässt auf einer mehrstündigen Reise durch seine aktuellen Lieblingsläden alles auftischen, was ihm von Bedeutung scheint. Er warnt vor Touristenfallen und billigem Iberico-Schinken. Fünf Mahlzeiten, erklärt er, nimmt der Katalane am Tag zu sich: Frühstück, zweites Frühstück, Mittagessen, Aperitif und Abendessen. Wen zur Verdauung nicht ohnehin die nächste Runde Golf lockt, sollte sich danach durch die vielen versteckten Gassen und geheimnisvollen Treppen der historischen Altstadt auf die gut einen Kilometer lange begehbare Stadtmauer hoch über Girona begeben. Nicht verpassen: die in der jüdischen Oberstadt befindliche Kathedrale mit dem schlichten Namen „Catedral“. Sie verbirgt das ¬größte gotische Kirchenschiff der Welt. Die außerordentliche Schönheit der mittelalterlichen Stadt ist übrigens auch den Machern der Serie „Game of Thrones“ nicht verborgen geblieben, viele Szenen wurden hier gedreht.

Mit dem eigenen Golfbag nach Girona reisen anstatt vor Ort Schläger zu leihen lohnt sich übrigens doppelt. Wie jeder weiß, ist ein Golf-Travelbag ja immer auch ein heimlicher zweiter Koffer, in dem sich noch jede Menge Mitbringsel verstauen lassen. Die da im Fall der Costa Brava wären: Viele, viele Dosen der hervorragenden L’Escals Anchovies, ein paar ordentlich gepolstert verpackte Embordà-Weine und ein paar Flaschen des katalanischen Champagners Cava. Außerdem, wenn natürlich nicht direkt katalanisch: raue Mengen des aus dem benachbarten Iberico stammenden und in Girona in Fachgeschäften erhältlichen Pata Negra-Bellota-Schinkens von schwarzen Schweinen, die das ganze Jahre über in der freien Natur leben und sich ausschließlich von Eicheln ernähren. Dazu passt der ebenfalls hier erhältliche, sehr gute und in Spanien berühmte eingelegte Navarra-Spargel aus dem Baskenland.
Wieder zuhause packt man mit all den guten Dingen und Erinnerungen dann aber auch etwas Schmerzhaftes mit aus: das Wissen, in der kurzen Zeit längst nicht alles gesehen und erlebt zu haben.

Wissenswertes über das PGA Catalunya Resort

– Zwei von Ryder Cup-Star Neil Coles und Àngel Gallardo entworfene Par 72 Golfplätze: Der anspruchsvolle Stadium Course, Austragungsort der Spanish Open 2000, 2009 und 2014, und der einfachere Tour Course
– 2000 Quadratmeter großer Trainingskomplex mit fünf Bunkern unterschiedlicher Sandarten: Augusta, St Andrews, Hawaii Colcanic, PGA Catalunya Stadium Course Sandbunker und Pebble Beach, und vier Grüns mit unterschiedlichem Gras: Bermuda, Bent, Paspalum und Poa
– auf der von zwei Seiten bespielbaren Driving Range können bis zu 130 Spieler gleichzeitig trainieren
– das von Star-Innenarchitekt Lázaro Rosa-Violán renovierte Hotel Camiral zählt zu den Leading Hotels of the World

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