Work hard, play hard

Troy Mullins_shutterstock_1247416918

Die 25-jährige Afroamerikanin Troy Mullins beweist wie keine andere, dass Golfsport im Jahr 2018 sehr wohl jung, cool und weiblich sein kann.

Troy Mullins ist ein Rolemodel für den zeitgenössischen Golfsport, wie man es sich besser kaum ausdenken kann. Erst mit 21 nimmt sie zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hand. Nur vier Jahre später hält sie ein Handicap von 1 und schlägt den Ball weiter als die meisten Typen. 2017 gewann sie den World Long Drive Mile High Showdown mit einer Länge von 402 yards – 367,6 Metern.

Als eine der wenigen Afroamerikanerinnen überhaupt im Golfsport setzt sie außerdem ein Statement für Diversität und Emanzipation. Und zwar sowohl auf dem Platz, als auch in den sozialen Netzwerken: auf Instagram (@trojangoddess) folgen ihr mittlerweile knapp 60.000 Fans, Tendenz steigend. Ihr Stil ist sportlich cool und dabei niemals ordinär. Denn anders als viele andere weibliche Sportstars verzichtet sie dankenswerterweise auf platte Halbnacktfotos der Sorte Eingeölt-und-in-High-Heels-auf-dem-Golfplatz. Sie überzeugt ganz einfach durch Power, Witz und Lässigkeit. Die Long Drive Tee Box in der Womens Long Drive Championship etwa betritt sie grundsätzlich nur zu Michael Jacksons „Beat it“. Und vor kurzem ging ein Video viral, in dem Mullins als täuschend echt geschminkte und gekleidete Afro-Granny bei der Genesis Open 2018 einen 300 yards-Drive rausfeuerte. Und auch modisch ist die Frau ein Ass: Seit kurzem ist Mullins bei einer der aktuell coolsten Golflabels überhaupt unter Vertrag, der jungen skandinavischen Modemarke J. Lindeberg.

Muskelverletzung bringt Mullins zum Golf

Ermutigend aber ist vor allem ihre Geschichte. Denn wie so viele Erfolgsgeschichten ist auch die von Troy Mullins eine, die aus einer Krise entstand. Dass sie überhaupt an den Golfsport geriet, hat sie einer Muskelverletzung zu verdanken. Ihre gesamte Jugend- und College-Zeit über spielte Mullins Volleyball und Tennis, außerdem feierte sie als Biathletin und Siebenkämpferin Erfolge. Zu ihrer Trainingsroutine gehörte das tägliche Joggen. Bis es nicht mehr ging. Diverse Muskelrisse und ein hartnäckiges Schienbeinkantensyndrom.

Ein Freund nahm Mullins mit auf eine Driving-Range in Los Angeles, um sie durchs Bälleschlagen vom Frust des Lauftrainingverbots abzulenken. Es funktionierte. Mehr als das: Mullins, die zum ersten Mal einen Schläger in die Hand nahm, konnte gar nicht mehr damit aufhören. Wenn sie heute davon erzählt, klingt das so: „Dieses erste Mal, wenn du den Ball so richtig erwischt. Dieses Geräusch. Ich war einfach sofort süchtig. Ich habe Bälle geschlagen, bis meine Hände geblutet haben. Es war mein neues Workout, meine neue Strategie, Stress abzubauen.“

Jenny Lee ermuntert sie zum ersten Long Drive Contest

Egal wo es Mullins ab jetzt hinverschlug: sie suchte sich eine Driving-Range und schmetterte jeden Morgen Hunderte Bälle vom Tee. Während ihres Studiums der China- und Asiastudien und der Internationalen Beziehungen legte sie ein Auslandsemester in Peking ein. Sie dachte zu diesem Zeitpunkt weder daran, jemals einen anderen Golfschläger zu benutzen als ihren Driver, einen alten Ping Anser, noch war ihr klar, wie rekordverdächtig mittlerweile ihr Schwung und ihre Ball-Länge waren. Zurück in Los Angeles jobbte sie im Brookside Golf Club, um neben dem Studium weiterhin täglich günstig Bälle schlagen zu können. Dort traf sie Jenny Lee, eine junge Golferin, die gerade anfing, auf der Ladies European Tour zu spielen. Sie konnte kaum glauben, was sie sah, als Mullins schlug. Und ermutigte sie, an einem Long Drive Contest teilzunehmen. Mullins wählte die World Long Drive Championship 2012. Und belegte mit einer Länge von 288 Metern sofort den zweiten Platz. Plötzlich war ihr Ehrgeiz für das Spiel der Profis geweckt. Sie trainierte abseits der Range, lernte das Spiel, die Eisen, den Putter zu beherrschen und erkämpfte sich ein Handicap 4. Ihr nächstes Ziel: eines Tages an der LPGA-Tour teilnehmen.

2014 folgte die nächste große Krise. Auf Empfehlung nahm sie zum ersten Mal Unterricht bei einem Pro. Er zerstörte ihr Spiel. Sie traf keinen einzigen Ball mehr, es wurde immer schlimmer. Nicht einmal die Schläge mit dem Driver saßen mehr. Sie hörte für ein ganzes Jahr lang auf zu spielen. Bis sie sich eines Tages wieder zurück auf den Platz wagte. Allein. Und einen neuen Pro fand, der sie ermutigte, weiterzuspielen, auf ihre ganz eigene Art. Er versprach, sie machen zu lassen, ihren natürlichen Swing nicht zu boykottieren und nur Kleinigkeiten zu korrigieren. Es funktionierte. Mullins fand ihren Swing wieder, wagte sich wieder an den Driver heran und verbesserte ihr Handicap auf 1. 2017 gewann sie die World Long Drive Mile High Showdown: 360  Meter. Und nahm ihr Ziel, die Qualifikation für die LPGA Tour, wieder auf.

 Tiger Woods fordert Mullins

So lässig Mullins wirkt, so hart arbeitet sie an ihrem Erfolg. Wieviel Wahrheit in dem Spruch „Von nichts kommt nichts“ steckt, kapiert, wer sich Mullins Alltag ansieht. Geld verdient sie mit dem Golfspiel erst seit kurzem, zum Leben reicht es noch nicht. Da Mullins, bevor sie das Golf-Fieber packte, einst U.S-Botschafterin in China werden wollte, beherrscht sie neben dem Amerikanischen noch drei weitere Sprachen: Mandarin, Spanisch und die amerikanische Gebärdensprache. Ihre Fähigkeiten setzt sie als Homeschooling-Lehrerin und Tutorin ein. Jeden Morgen steht sie um fünf Uhr auf, beginnt den Tag mit Yoga oder Pilates und fährt anschließend auf den Golfplatz, wo sie den gesamten Vormittag verbringt. Nachmittags unterrichtet sie ihre Schüler. „Es ist hart“, sagt Mullins in Interviews, „im Grunde habe ich kein Sozialleben. Ich stehe früh auf und gehe früh ins Bett. Aber ich liebe Golf. Und so lange ich davon nicht leben kann, so lange ich nicht auf die Tour gehen kann, muss ich eben sieben Tage die Woche arbeiten.“

Ihre Freundinnen verstehen Mullins Ehrgeiz nur bedingt. Sie werfen ihr vor, dass sie keine Zeit mehr für sie hat. Ihnen sagt sie: „Mädels, ich steh um fünf auf, ich geh um neun ins Bett. Ich bin gerade total fokussiert. Ich habe keine Zeit. Aber ich werde Zeit haben. Später.“

Von nichts kommt eben nichts. Mullins lebt ihren Traum. Vor kurzem forderte Tiger Woods sie zu einer Long Drive Challenge heraus. Wer ihr auf Instagram folgt, merkt: hier brennt jemand für den Golfsport. Und hier weiß jemand, wie die Formel zum Träume verwirklichen lautet: Work hard, play hard.

Teilen:Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Print this page